Ski alpin
Skifahrer Luca Tauscher (16) aus Rettenberg erzählt, warum er trotz seiner Einschränkung ein ganz normales Leben führt

Dreimal ertönt das Startsignal, bis sich die Schranke öffnet und die Skifahrer den Hang hinunterrasen. Drei lange Sekunden, in denen die Fahrer nur auf das Rennen konzentriert sind. Nachdem das Piepsen verstummt, schiebt sich Luca mit voller Kraft aus dem Starthaus und kurvt um die Slalomstangen. Er fährt so nah wie möglich an den Toren vorbei und ist doch weit genug entfernt, um nicht einzufädeln. Immer im Blick: die schnellste Linie. Der Rettenberger springt über Bodenwellen und landet sicher. Im Ziel reißt Luca die Arme hoch und freut sich über seinen guten Lauf.

Der 16-Jährige kam am 22. Februar 1997 auf die Welt. An einem Samstag fuhren Sylke Tauscher und ihr Mann Christian in das Immenstädter Krankenhaus zur Entbindung. Der damals 32-Jährige stand am Kopfende des Bettes, als seine Frau Luca gegen 15 Uhr zur Welt brachte. 'Mein Mann hat sofort gesehen, dass etwas mit Lucas Hand nicht stimmte. Wir haben ständig den Arzt und die Hebamme gefragt, was los sei', sagt die 44-Jährige. Die Hebamme meinte, sie werde nach Luca schauen. Dann stellte sich heraus, dass dem Neugeborenen der Unterarm fehlte.

'Am Anfang waren wir natürlich geschockt. Auf dem Ultraschall hat man das nicht sehen können. Mir ging es die ganzen neun Monate so gut wie noch nie', schwärmt Sylke Tauscher. Der fehlende Unterarm sei ganz egal gewesen. 'Wenn es dein eigenes Kind ist, liebst du es, egal wie es ist und was es hat', sagt die Rettenbergerin. Nach Lucas Geburt haben ihr sowohl Christian Tauscher als auch ihre Mutter einige Wochen lang geholfen. 'Erst als mein Mann wieder arbeiten musste und meine Mutter weg war, konnte ich mir über Lucas Handicap Gedanken machen', erzählt Sylke Tauscher.

Vor allem bei der täglichen Pflege von Luca hat die 44-Jährige oft an das Schicksal denken müssen, das ihrer Familie widerfahren ist. 'Am Wickeltisch habe ich mich oft gefragt, warum wir? Der fehlende Unterarm war

einfach eine Laune der Natur, doch man lernt damit umzugehen', sagt die Rettenbergerin. Eine Freundin habe ihr mit den aufmunternden Worten, 'der liebe Gott weiß, warum er einem ein solches Kind schenkt', sehr geholfen. Nach Lucas Geburt war die Familie auf der Suche nach einem Facharzt, der sich auf Unterarm- Operationen spezialisiert hatte. Empfohlen wurde den Tauschers ein Mediziner aus Aschau im Chiemgau. 'Luca sollte operiert werden.

Der Arzt sagte uns, er würde Elle und Speiche tauschen. Damit könnte später einmal die Prothese besser halten', lässt Sylke Tauscher wissen. Die Familie machte einen OP Termin aus. Wochen später packen Vater und Mutter die Koffer und fahren mit dem einjährigen Luca erneut nach Aschau. Erst vor Ort werden sie über die Operationsrisiken aufgeklärt. Die Drei packen ihre Koffer nicht einmal aus. Sie fahren sofort wieder nach Hause. Denn neben den üblichen Risiken, die bei der Narkose auftreten, wäre auch noch eine vollständige Armamputation möglich gewesen. 'Das wollten wir nicht riskieren', sagt Lucas Mutter.

Das Handicap stört den kleinen Luca nicht. Er ist mit sieben Monaten der Erste in der Kindergruppe, der krabbeln kann. Mit zwei Jahren steht er das erste Mal auf Skiern, mit vier kann er schwimmen. Die Familie grübelt, wie Luca mit dem fehlenden Unterarm zurechtkommt, aber das ist angesichts der Fortschritte, die der Junge macht, kein Thema mehr. Auch das Umfeld geht mit Lucas Handicap gelassen um. 'Niemand hatte Berührungsängste. Nur beim Einkaufen habe ich gemerkt, dass ab und zu hinter mir getuschelt wird', sagt Sylke Tauscher. Mit drei Jahren geht Luca in den Kindergarten. Als Vierjähriger bekommt er seine erste Greifprothese. 'Die hat mich aber mehr genervt, als dass sie mir geholfen hat. Entweder sie ging nicht zu oder sie öffnete sich nicht, wenn ich das wollte', verrät Luca.

Mit sechs Jahren schulen die Eltern ihren Sohn bei der Grundschule in Rettenberg ein. Zu diesem Zeitpunkt ist er schon Mitglied im Skiclub Rettenberg und im Fußballclub. In Lucas Zimmer stehen viele Pokale. Hunderte von Medaillen liegen auf den Regalen. 'Trotz meines Handicaps glaube ich nicht, dass ich eingeschränkt bin. Ich esse mit Messer und Gabel, schwimme, fahre Fahrrad und Ski und kann meine Schuhe selber binden', erklärt der 16-Jährige stolz. Die Familie musste auch einige kleine Vorkehrungen treffen, damit Luca keine Nachteile durch sein Handicap hat. An seinem Dreirad hatte Luca eine Vorrichtung, in die er seinen Stumpf legen konnte und bei seinem Fahrrad wurde die Schaltung umgebaut.

Doch das Skifahren – Lucas größte Leidenschaft – beherrscht er von Anfang an ohne Probleme. 'Mein Papa hat mir das Fahren am Grünten beigebracht', sagt der Rettenberger. Luca geht auf die Mittelschule in Immenstadt und ist Mitglied des Deutschen Paralympic Skiteams. Entdeckt hat ihn die Nachwuchsbeauftragte des deutschen Behindertensportverbandes. 'Ich war bei dem Ländercup in Jungholz dabei. Dort wurde ich angesprochen und durfte zum Lehrgang ins Montafon mitfahren. Seitdem bin ich dabei', erzählt Luca. Damals war er neun Jahre alt. Seitdem startet Luca im paralympischen Skisport richtig durch. In der Saison 2011/2012 darf er als 14-Jähriger schon mit dem A-Kader mittrainieren, obwohl er noch im Nachwuchsteam ist.

Einen Winter später startet Luca nur noch für den A-Kader. 'Jetzt bin ich immer viel unterwegs. Oft auch mehrere Tage am Stück. Meine Behinderung hat keine Nachteile. Aber der Sport hat welche. Durch das Training fehle ich total oft in der Schule', sagt der 16-Jährige. Allein von September bis März letzten Jahres hatte Luca 45 Fehltage. Die Anzahl der Tage, an denen Luca nicht zur Schule gehen kann, erklärt sich aber schnell, wenn er von seinen Wettkämpfen erzählt: 'Ich reise zum Wettkampfort an.

Oft haben mein Team und ich dann noch einen Tag frei. Die nächsten zwei Tage sind Rennen. Dann ist Siegerehrung, und erst danach fahre ich wieder nach Hause. Da ist die Hälfte der Woche schon rum', sagt der Schüler. 'Und das sind nur die Wettkampftage, das Training kommt auch noch dazu'. Dennoch bedeutet dem 16-Jährigen Skifahren alles. Für seinen Traum, irgendwann einmal bei den Paralympics teilzunehmen, schindet sich Luca drei bis vier Mal die Woche. 'Ich trainiere Kraft, Ausdauer, meine Rumpfmuskulatur und Koordination', lässt Luca wissen.

Einen guten Gleichgewichtssinn und eine Prothese braucht der 16-Jährige, um sein Gleichgewicht beim Skifahren halten zukönnen. Damit korrigiert er den Nachteil, den er durch den fehlenden linken Unterarm hat. Mit Hilfe des Sports hat der Rettenberger vieles gelernt. 'Da ich durch das Skifahren oft verreise, bin ich selbstständig geworden', sagt Luca. Auch seine Eltern sind stolz auf ihren Sohn. 'Das ist einfach grandios. Wir freuen uns, wenn Luca einen guten Platz macht', sagt Sylke Tauscher. Durch den Sport sei viel verständnisvoller, hilfsbereiter und rücksichtsvoller geworden. Der Rückhalt seiner Familie ist Luca besonders wichtig. 'Sie unterstützen mich, wo sie nur können.

Ohne meine Familie wäre Leistungssport undenkbar', sagt Luca. Wenn der 16-Jährige zum Stellenwert des Behindertensports befragt wird, schüttelt er nur den Kopf. 'Die Paralympics werden oft belächelt. Wir leisten so viel mehr'. Die Sponsorensuche ist schwierig. Auch der Sprung in die nächste Leistungsklasse. 'Sobald man im A-Kader ist, spielen Alter und Behinderung keine Rolle mehr', erklärt Luca.

Lucas wichtigstes Rennen war der Europacup in Pitztal 2012. 'Ich war richtig nervös. Im ersten Durchgang bin ich frech und auf Angriff gefahren. Danach war ich Fünfter. Ich wusste, da geht noch mehr. Also habe ich beim zweiten Durchgang auf Risiko gesetzt. Und am Schluss auch den dritten Platz gemacht', sagt der 16-Jährige stolz. Auchdas Phänomen des 'Tunnelblicks' kann der Rettenberger erklären: 'Es fängt an, wenn ich in den Ski steige – immer in den linken zuerst, das ist mein Ritual. Ich bin dann so konzentriert, versuche meine Nervosität in Motivation umzuwandeln.

Ich sehe nur noch die Strecke und kann mich nach der Besichtigung an jede noch so kleine Bodenwelle erinnern.' Der 16-Jährige hat noch lange nicht genug: 'Ich will Erfahrungen sammeln und an so vielen Skirennen

wie möglich teilnehmen.' Doch jetzt freut sich Luca erst einmal auf das Europacup-Rennen AnfangDezember im Pitztal.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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