Sportmedizin
Orthopäde Clemens Wittmann vom MVZ in Sonthofen spricht über die zweithäufigste Sportverletzung: den Bänderriss im Sprunggelenk

Marco Reus ist das prominenteste Beispiel. Innerhalb von 15 Monaten zog sich der Fußball-Nationalspieler von Borussia Dortmund vier Verletzungen am Sprunggelenk zu. Aktuell fällt der 25-Jährige mit einem Außenbandriss mehrere Wochen aus.

Blessuren am Sprunggelenk sind die zweithäufigsten Sportverletzungen, sagt Dr. Clemens Wittmann vom Medizinischen Versorgungszentrum Oberallgäu (MVZ) in Sonthofen. In unserer Serie "Sprechstunde" nennt Wittmann die häufigsten Blessuren und gibt Tipps zur richtigen Genesung.

Weshalb wird das Sprunggelenk bei Sportlern so häufig in Mitleidenschaft gezogen?

Wittmann: Das Sprunggelenk spielt eine wichtige Rolle, weil es das Bewegungsscharnier des Fußes ist und darauf die gesamte Last des Körpers steht. Entsprechend hat das Gelenk extreme Schwerkräfte auszuhalten, weshalb es von vielen Muskeln umgeben ist. Auch die Bänder, die die Knochen zusammenhalten, sind extremen Belastungen ausgesetzt. Diese zeigen sich vor allem in Sportarten wie Fußball, Basketball, Volleyball oder Squash.

Wie häufig sind Sprunggelenksverletzungen unter Sportlern?

Wittmann: Nach Knieverletzungen am zweithäufigsten. Dabei geht es sowohl um Bagatellverletzungen als auch um schwere Verletzungen.

Was sind die häufigsten Blessuren?

Wittmann: Am meisten haben wir es in der Sportmedizin mit Distorsionen, also mit Rissen des Kapsel-Bandapparates, zu tun. Frakturen sind seltener, aber in der Tragweite schlimmer. Am Beispiel von Philipp Lahm ist es ein Bruch des oberen Sprunggelenks, das für die Laufbewegung zuständig ist. Das untere Gelenk ist für die Feinarbeit des Fußes zuständig - also für das Laufen auf unebenem Boden.

Wie funktioniert der Bandapparat?

Wittmann: Anders als oft missverständlich behauptet, ist ein Band kein Muskel. Bänder sind ein Sehnengeflecht aus Kollagenfasern, das am Knochen heftet und die Muskelkraft auf das Gelenk überträgt.

Weshalb sind Bänderrisse sportartenübergreifend so häufig?

Wittmann: Weil die Dynamik des Sports zugenommen hat. Der Bandapparat muss viel aushalten, weil im Sport - anders als im Alltag - extreme Kräfte auf die Bänder wirken. Beim Abstoppen aus vollem Lauf wie beim Handball wirken starke repetitive, also wiederholende Schubkräfte. Diese Verletzungen treten häufig gegen Ende des Trainings auf, wenn der Sportler ermüdet ist.

Wie stark sind diese Kräfte?

Wittmann: Ein genauer Wert ist schwer zu nennen, aber zwei erwachsenen Männern würde es nicht gelingen, ein Band zum Riss zu bringen. Die Risse kommen in der Regel vor allem durch die verdrehte Stellung des Gelenks zustande.

Welche Erstversorgung ist für den Sportler nach dem Umknicken richtig?

Wittmann: Das beste Prinzip ist die bekannte PECH-Regel (Pause, Eis, Compression, Hochlagern). Das Wichtigste ist, das Gelenk immer zu kühlen. Gerade bei Eissprays muss man äußerst vorsichtig sein, damit man nicht zu nahe an die Haut kommt und eine Eisverbrennung riskiert. Nach dem Umknicken sollte der Schuh vorerst zubleiben, solange man nicht weiß, was genau passiert ist. Das gilt auch für Skiunfälle - der Schuh muss vor der medizinischen Behandlung erst einmal zubleiben.

Werden Bänderrisse heute noch operiert oder konservativ behandelt?

Wittmann: Heutzutage wird viel weniger operiert als früher. Die Außen- und Innenbänder zu operieren ist optional. Es sei denn, es liegt eine hochgradige Instabilität vor. Sportler - ob operiert oder nicht operiert - zeigen langfristig eine vergleichbare Leistungs- und Funktionsfähigkeit auf.

Wie wird am Bandapparat operiert?

Wittmann: Wenn es geht, näht man die Bänder einfach wieder zusammen. Wenn man den gesamten Kapsel-Band-Apparat rekonstruieren muss, ist das Ganze schon komplizierter. Bei einer Instabilität des gesamten Komplexes muss man eine Sehnenplastik vornehmen. Dabei wird beispielsweise aus dem Unterschenkel Gewebe entfernt und in einem komplizierten Verfahren um das Gelenk "gewickelt" um die nötige Stabilität wiederherzustellen.

Wächst jeder Bänderriss zusammen?

Wittmann: Nicht grundsätzlich. Jeder Bänderriss braucht eine spezielle Behandlung. Zuerst muss man abschwellend wirken, damit die Bänder sich wieder übereinander kleben können. Als weitere Schritte sind die Lymphdrainage (zum Abschwellen) und physikalische Behandlungen wichtig.

Wie lange dauert die Genesung und wann kann der Patient wieder mit der Belastung beginnen?

Wittmann: Man braucht Geduld - auch wenn das vielen Patienten schwerfällt. In der Regel dauert die Genesung eines Bänderrisses vier bis sechs Wochen, es kann aber in Ausnahmefällen auch länger dauern. Minimum zwei Wochen sollte man zunächst an Krücken gehen, um den Fuß zu entlasten. Mit Bewegung kann man in Abhängigkeit der Schmerzen nach sechs Wochen beginnen. Stärkere Belastungen - außer beim Radfahren - sollten nach zehn Wochen wieder möglich sein.

Gibt es beim Sprunggelenk Verschleiß- und Abnutzungserscheinungen?

Wittmann: Ja. Wir beobachten vor allem bei Fußballern hohe Verschleißerscheinungen im oberen Sprunggelenk, was die Knorpelabnutzung betrifft. In schweren Fällen kann man eine Knorpeltransplantation vornehmen. Auch wenn das ein sehr komplizierter Eingriff ist, sind die Resultate sehr gut.

Nicht zuletzt durch die Verletzung von Marco Reus rückte die Syndesmose zunehmend in den Fokus. Welche Rolle spielt das Band?

Wittmann: Die Syndesmose verläuft zwischen dem Schien- und Wadenbein und ist ein Stützband des oberen Sprunggelenkes. Reißt sie, wie im Falle von Marco Reus, muss unbedingt operiert werden. Denn bei diesem Riss geht die knöcherne Gelenkgabel für das obere Sprunggelenk auf. Das heißt, ohne das Band kommt es zu einer unkontrollierten Rotation des Gelenks und langfristig zu einer Arthrose. Deshalb dauert die Genesung bei Syndesmosebandrissen länger.

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