Handicap
Brigitte Seeberger aus Burgberg führt trotz Diabetes ein sportliches Leben

Immer, wenn sie von ihrer Krankheit spricht, geht ihr Blick nach vorne. Für kurze Augenblicke wirkt es, als ob sie ins Leere starrt. Als ob sie mit ihren Gedanken ganz woanders ist als in ihrem gemütlichen Wohnzimmer, zwischen dem vollgestopften Bücherregal und den Mitbringseln aus fernen Ländern an den Wänden.

Die Knie an ihren schlanken Körper gezogen. Die Füße in ihren dunklen Socken auf die Sofakante gestellt. Sie streicht kurz über ihre Schienbeine. Dann zieren wieder winzige Lachfalten ihre Augenwinkel. Die Mundwinkel gehen nach oben. Sie strahlt. Denn eigentlich, sagt Brigitte Seeberger, sieht sie sich nicht als Kranke. Doch ihr Handicap trägt sie immer bei sich. 24 Stunden am Tag. Vor allem im Gehirn, wie sie erzählt. Bei jedem Bissen muss sie mitdenken. Sie hat Diabetes mellitus Typ 1.

'Das ist wohl das größte Hindernis. Man ist permanent damit beschäftigt zu planen.' Vor allem, wenn sie Sport machen will, muss Seeberger wissen, wie ihr Tag aussehen wird. Wie hoch ist die Belastung? Wie lange wird es dauern? Wann muss sie eine Pause einlegen? Wann hat sie das letzte Mal gegessen? Wie hoch ist ihre Insulindosierung? Fragen, die inzwischen wie ein Automatismus in ihren Synapsen ablaufen. Denn Brigitte Seeberger kann nicht wie gesunde Menschen ihren Zuckerstoffwechsel regulieren.

Brennstoff Glukose

Die Burgbergerin beschreibt den Vorgang so: 'Wir müssen den Körper ständig heizen, auf 36 bis 37 Grad Celsius halten. Da wir keine Heizung eingebaut haben, übernehmen das die Muskeln. Der Brennstoff ist Glukose, Traubenzucker, der bei der Verdauung aus Kohlenhydraten entsteht und dann ins Blut geht. Doch damit dieser zum Verbrennen ins Zellinnere gelangen kann, braucht es einen Schlüssel: das Hormon Insulin.'

Bei Diabetes-Patienten fehlt dieses Hormon oder ist nicht genügend vorhanden. Man unterscheidet verschiedene Typen von Diabetes (siehe Kasten). Seebergers Krankheit, Typ 1, ist die seltenere Form. Dabei greift das eigene Immunsystem diejenigen Zellen in der Bauchspeicheldrüse an, die Insulin produzieren. Die Konsequenz: Seeberger muss mit einer Pumpe oder mit Spritzen ihrem Körper Insulin geben, ständig auf ihren Blutzuckerspiegel achten. Denn zu viel oder zu wenig Glukose im Blut bedeutet Probleme, wie sie es bezeichnet:

Kaltschweiß, Konzentrations- und Leistungseinbußen, Gleichgewichtsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit.

Beim Sport ist es für sie natürlich besonders wichtig, auf den Blutzuckerspiegel zu achten. Und allein die körperliche Erscheinung der fröhlichen Frau lässt es erahnen: Sie macht gerne Sport. Bergtouren, Laufen, Skitouren, Skifahren, Skaten, Schwimmen, Rad fahren, und, und, und. 'Einfach alles, was draußen ist', sagt die 42-Jährige, zuckt lässig mit den Schultern. Nur Fitnesscenter seien nicht ihre Welt. 'Da war ich mal Mitglied', sagt sie und lacht herzhaft, als sie sich an einen Aerobic-Kurs erinnert. Sie müsse in die Natur. Richtig gerne klettert sie, obwohl sie 'sehr schlecht' sei. Aber das mache ihren Kopf frei.

Immer draußen aktiv

Schon seit ihrer Kindheit gehört das Sporteln zu ihrem Leben. Sie war unter anderem im Volleyball-Team, immer draußen, immer aktiv. Bis zum 17. März 1981. Diesen Tag nennt sie wie aus der Pistole geschossen. Der Tag, an dem der Diabetes bei ihr festgestellt wurde. Ein einschneidendes Erlebnis. Und da ist er wieder. Dieser kurze Blick ins Leere. Diesmal ein Blick in die Vergangenheit.

Brigitte Seeberger ist gerade in die fünfte Klasse gekommen, als sie immer mehr abbaut. Sie ist ständig müde, ständig träge. 'Jeder sagte immer, das liege am Gymnasium. Das sei so anstrengend für das Mädchen. Vielleicht sollte sie doch runter.' Dann hört sie auf, zu essen. Ihr ist immer schlecht. Obwohl sie damals schon dünn ist, verliert sie an Gewicht. 'Die Hausärztin diagnostiziert Eisenmangel, gibt Lebertran.'

Nach Weihnachten wird es akut. Seeberger hat ständig Durst, hält nicht einmal mehr eine ganze Schulstunde aus. Pro Tag kommen sechs bis sieben Liter Wasser zusammen. 'Gleichzeitig bin ich permanent auf die Toilette gesprungen.' An diesem Tag im März geht ihre Mutter mit ihr zur Ärztin und besteht auf einen Blutzuckertest. 'Sie vermutet, dass ich Diabetes habe. Sie kannte die Symptome, weil ihre Mutter einen Diabetes Typ 2 hatte.'

Es folgen drei lange Wochen im Klinikum Kempten, zur sogenannten 'Einstellung'. Ein Gendefekt ist schuld an der Erkrankung. Es ist laut Seeberger erblich bedingt, dass der Körper die Insulin produzierenden Zellen plötzlich als Feinde sieht, sie zerstört. Diesen Prozess kann man inzwischen verfolgen. Aber über die Faktoren, die ihn auslösen, kann man nur spekulieren. Die Burgbergerin weiß nicht, warum sich gerade zu diesem Zeitpunkt ihr Gendefekt bemerkbar machte. 'Wer den Auslöser für diesen Diabetes findet, bekommt wohl den Nobelpreis.'

Vor 30 Jahren waren die Erfahrungswerte mit der Krankheit und das Wissen rudimentär, erinnert sich Seeberger. Die Therapie: So wenig Kohlenhydrate wie möglich sowie eine Spritze mit einem Insulin, das lange anhält. Morgens und abends.

Den Sport jedoch hatte Seeberger nie aufgegeben. 'Ich war im Sonthofer Volleyball-Team. Wir waren auch ziemlich gut.' Zwei Mal die Woche Training, an den Wochenenden Wettkämpfe. Dazu kamen der normale Schulsport oder beispielsweise Skilager.

Ohne Stigma aufgewachsen

Ihren Eltern hat sie dabei viel zu verdanken, sagt Brigitte Seeberger. 'Sie sagten immer: Das Kind soll ganz normal aufwachsen, ohne Stigma.' Deswegen setzten sich die Eltern auch dafür ein, dass ihre Tochter in der sechsten Klasse eine Woche lang aufs Fellhorn durfte. Und das, obwohl die Lehrer sie in das Skilager eigentlich nicht mitnehmen wollten. Die Verantwortung war zu groß.

Mit 14 Jahren machte Seeberger ihre ersten Ski- und Bergtouren, begann bald mit dem Klettern. Mit ihrem Diabetes kam sie gut zurecht, obwohl es damals noch nicht die Möglichkeit gab, immer und überall den Blutzuckerspiegel zu messen. 'Man entwickelt einfach ein sehr gutes Körpergefühl. Lernt, in sich hineinzuhören', sagt sie beinahe lakonisch.

Auch heute noch merkt sie beispielsweise auf Bergtouren ziemlich bald, wenn etwas nicht stimmt. 'Das ist dann immer das Gefühl: Plötzlich werden die anderen schneller.' Wichtig sei für sie, immer jemanden dabei zu haben, der sie versteht. Jemand, der weiß, was es mit ihrem Diabetes auf sich hat. 'Das fängt schon beim Frühstück an. Wenn wir auf Tour gehen, muss ich wissen, wann es losgeht. Erst dann kann ich planen, wie viel ich esse.'

Mittlerweile muss sie sich meist kein Insulin mehr spritzen. Den Grundbedarf gibt eine Pumpe selbstständig ab. 'Aber die denkt nicht. Einstellen muss ich sie.' Beim Sport etwa senke sie den Grundbedarf prozentual. Deswegen nerve es sie manchmal: Immer darauf drängen, dass man zum ausgemachten Zeitpunkt aufbricht. Wie eine Verrückte Tourenpläne aufstellen.

Habe ich keine Kondition?

Manchmal hadert sie, wenn sie schon nach einer halben Stunde eine Pause einlegen muss, weil sie platt ist. 'Da frage ich mich: Bin ich das? Habe ich keine Kondition? Oder liegt es am Zuckerspiegel?'

Dabei hat die 42-Jährige schon einiges erlebt: Trekking in den Bergen von Nepal und Kamtschatka, eine Skitour vom Boot aus in Norwegen oder ein halbes Jahr lang eine Rucksacktour durch Südamerika. 'Alles eine Frage der Organisation', ist sie überzeugt. Wenn andere Wechselklamotten, Brotzeit oder ein paar Pflaster für eine Bergtour einpacken, kommt bei Seeberger immer ihr kleines Päckchen mit: Gummibärchen, Traubenzucker, Müsliriegel, süße Getränke, Messgerät und Insulin-Spritze Die Glucagen-Spritze bekommt ihr Begleiter, falls sie wirklich mal in Ohnmacht fallen sollte. 'Viele sagen oft: Das schleppst du alles auf den Berg? Aber ich brauche das. Oft nehme ich auch alles doppelt mit - zur Sicherheit.'

Schränkt der Diabetes sie ein? 'Diabetes ist keine Ausrede', zitiert Seeberger das Motto ihres Freundes Jerry Gore, einen außergewöhnlichen Alpinisten, ebenfalls am gleichen Diabetes erkrankt. 'Früher sagte man mir immer: Das darfst du als Diabetikerin nicht tun, das solltest du besser sein lassen. 'Ich habe trotzdem das gemacht, was mir Spaß macht', erzählt sie. Sie weiß nicht, wie ein Leben ohne Diabetes wäre. Und sie weiß, was sie tut. Um die Stoffwechselstörung besser zu verstehen, hat sie Oecotrophologie - Ernährungswissenschaft - studiert und arbeitet heute als Diabetesberaterin.

Nur eines würde sie vielleicht nicht tun: über 6000 Meter Höhe steigen. 'Da oben wäre dann meine größte Sorge, dass meine Messgeräte nicht mehr funktionieren würden. Oder das Insulin einfriert. Dann wäre ich schlicht und einfach tot.' Aber diese Vorsicht, so meint sie, liegt vielleicht auch am Alter. 'Man wird anders gesteuert, in der Jugend braucht man einen höheren Reiz.'

Wieder weicht der nachdenkliche Blick einem herzhaften Lachen. Dem Markenzeichen der lebensfrohen Frau. Nein, krank ist sie nicht. Sie muss nur viel mehr einplanen als andere Sportbegeisterte.

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