Geschichte
Warum Carl Hirnbein nicht Bürgermeister wurde

Er sollte Nachfolger seines Vaters Johann werden, der seit 25 Jahren Bürgermeister von Wilhams war. «Doch Carl Hirnbein wusste, dass ihm dieses Amt viel Zeit kosten würde und er sich so weniger um seine Geschäfte kümmern konnte», erzählt Josef Bettendorf, Leiter des Carl-Hirnbein-Museums. Vor der anstehenden Wahl im Rat 1835 kam dem jungen Hirnbein eine Idee - so besagt es zumindest die Legende. Er schlug einem Mitglied den «Kuhhandel» vor: Wenn der Rat Schlechtes über ihn verbreitet und Hirnbein so nicht gewählt würde, bekommt er im Gegenzug eine Kuh. Und so kam es schließlich auch: «Da würden wir uns einen rechten Tyrannen an den Hals jagen und müssten alle nach seiner Pfeife tanzen», sagte das Mitglied bei der Sitzung. Der Rat bestimmte daraufhin jemand anderen.

«Carl Hirnbein war freilich ein harter Geschäftsmann, aber keinesfalls ein Lump: Er hat viel für Wilhams getan», findet Bettendorf. Jahrelang engagierte er sich im Gemeinde- und im Pfarrgemeinderat. Eine Führungsposition wollte er aber niemals übernehmen. Und das, obwohl er sogar eine Periode lang im Landtag unter dem damaligen Bayerischen König Maximilian II saß.

«Vor allem wenn es um rechtliche Dinge ging, hat die Gemeinde oder die Kirche immer den Hirnbein vorgeschickt», schildert der Museums-Leiter. Böse Zungen sagen Hirnbein nach, dass er in seiner Heimat immer versucht habe, möglichst alles aufzukaufen und die Bauern zu unterdrücken. «Es wäre falsch, wenn man ihn als Blutsauger darstellt, der andere nur beschissen hat», betont aber Bettendorf. Gerade zu seiner Zeit habe es in Wilhams «eine ganze Menge reicher und selbstständiger Bauern» gegeben.

Und die, die pleite waren, seien größtenteils froh gewesen, jemanden gefunden zu haben, der ihnen etwas abkauft.

Hatte Hirnbein in seiner Heimat Feinde? «Das hat jeder, der erfolgreich ist», weiß Bettendorf. Einmal hatten Bauern seine zwei Jagdhunde erschossen. Daraufhin wandte sich der Gutsbesitzer an den Bürgermeister mit der Aufforderung, dass die Bauern den Schaden zu ersetzen haben. «Und wenn das nicht gelingt, muss man sich gerichtlich auseinandersetzen», drohte Hirnbein.

Politisch war der Großbauer und Agrarreformer liberal eingestellt: Hirnbein gründete im Zuge der Revolution 1848 sogar die Märzvereine in Missen und in Sibratshofen. Danach arrangierte sich der Politiker mit dem ebenfalls liberalen König Maximilian II.

Bis 1869 lebte Hirnbein in seinem Gut Maienhof - die einzigen Gebäude, die bis heute in Missen-Wilhams von ihm übriggeblieben sind: 1871 brannte der Eltracher Hof nieder. Dieser Besitz wurde nicht wiederaufgebaut.

 

Der Maienhof (rechts) zur Zeit, als der Allgäuer Pionier Carl Hirnbein darin gewohnt hatte. Die Aufnahme entstand laut Museum in den 1850er beziehungsweise 1860er

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