Lesung
Ulrich Lachenmair stellt in Sonthofen Literatur aus Afrika vor und erläutert das Schicksal ihrer Verfasser

Amara wirkt auf seinen Lehrer etwas unterbelichtet. Deshalb gibt sich Mr. Jones besondere Mühe mit ihm. So geht er mit seinem Schüler mehrmals das Experiment durch, die Reaktion von Kalkwasser auf Kohlendioxyd zu testen. Amara, in Wirklichkeit aber gar nicht dumm, kehrt in sein Dorf zurück und verdient sich sein Geld mit dem Staunen seiner Mitbürger über das 'Wunder'. 'Wissen ist Macht', hat der afrikanische Autor Christian Isaac aus Sierra Leone seine Kurzgeschichte betitelt.

Dass darüber wiederum Sonthofer Bürger schmunzeln konnten, ist dem pensionierten Hauptschullehrer Ulrich Lachenmair zu verdanken.

Der Altstädter hatte ins Pfarrheim St. Michael zu einer Lesung aus afrikanischer Literatur eingeladen. Lachenmair war von 1976 bis 1980 Entwicklungshelfer in Botswana und hat sich seitdem viel mit afrikanischen Schriftstellern beschäftigt.

Die meisten von ihnen, erklärt der Vorleser, können vom Bücherschreiben nicht leben. Sie arbeiten als Lehrer oder Hochschuldozenten, häufig im Ausland. 'Schriftsteller und Journalisten leben gefährlich und gehen deshalb ins Exil', so Lachenmair. Ihre Geschichten richteten sich dabei nach den Geschichten der Länder.

Häufig ist der Krieg ein Thema, aber auch die Konflikte in Großstädten oder die Probleme mit der Bürokratie werden aufgegriffen.

Um die Vielfalt der Literatur, an diesem Abend ausschließlich aus Schwarzafrika, zu dokumentieren, präsentierte Ulrich Lachenmair vor einem kleinen interessierten Zuhörerkreis Prosa und Poesie aus Madagaskar, Kamerun, Uganda, Südafrika, Nigeria und Kenia.

Zum Schmunzeln mit einem bitteren Nachgeschmack ist die Geschichte 'Ach, diese Deutschen' von einem Autor aus Kamerun, einer ehemaligen deutschen Kolonie. Da erklären die bei den Landesbewohnern verhassten Deutschen, vor den Franzosen fliehend, diese seien ein barbarisches Volk.

Und tatsächlich: Die Sprache ist schwer zu lernen, hatte man sich doch gerade an das Deutsche gewöhnt, 'wie Schuhsohlen ächzend und wie Fürze knackend'.

Weitaus schlimmer: Die Franzosen entpuppen sich auch noch als wahre Geizkragen: Sie rauchen ihre Zigaretten bis zum Ende. Die Deutschen warfen sie nach einem Zug weg, worüber sich wiederum die Einheimischen freuten Oft, so Lachenmair, bleibt den Schriftstellern nur der Umweg über die Satire.

Das zeigt auch ein Auszug aus 'Der Herr der Krähen' vom kenianischen Autor Ngugi wa Thiong’o, der in seiner tausendseitigen fantastischen Satire den Größenwahn mancher afrikanischer Potentaten beschreibt.

Die 'schäbige Exzellenz'

Ein Riesenbauwerk soll errichtet werden, das bis zum Himmel reicht, damit der Herrscher jeden Tag bei Gott vorbeischauen kann. Die öffentlichen Lobeshymnen auf 'Marching to Heaven', das als größtes Weltwunder gelten soll, werden konterkariert durch einen alten Mann, der Schwierigkeiten hat, den komplizierten Namen des Herrschers auszusprechen.

Da ist dann von einer 'schäbigen Exzellenz' die Rede, vom 'heiligen Arschloch' – was für europäische Ohren in der Landessprache Suaheli reichlich ähnlich klingt.

Beeindruckend und packend schließlich das Rap-Gedicht 'Johannesburg' eines jungen Südafrikaners, der Aggression und Frust in ein paar Zeilen zu packen weiß: 'Hier stranden Träume zum Sterben', 'Nichts ist mehr sicher' oder 'Hier wird die Geburt zur Lüge'

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