Seelische Gesundheit
Psychisch Kranke geben in Immenstadt Einblick in ihre Welten

Es sind Ängste und Vorurteile, die viele Menschen auf Abstand zu psychisch Kranken halten: 'Bei ihnen weiß man nie, was sie als Nächstes tun werden.' In einer Gruppe von 35 Teilnehmern bei der Vorstellung des Bündnisses für psychisch erkrankte Menschen 'Basta' an der Kemptener Hochschule löst dieser Satz Schmunzeln aus. 'Das weiß man schließlich bei keinem Menschen', findet eine Rednerin und erntet Zustimmung.

Längst geht es nicht mehr um ein Minderheitenproblem, wenn von Depression die Rede ist. 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung entwickeln einmal in ihrem Leben diese seelische Krankheit.

'Sie war die Volkskrankheit Nummer eins in den letzten Jahren', führt Beatrix Kammerlander, Psychiatrieärztin beim sozialpädagogischen Dienst aus.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung im Rahmen der 'Tage der seelischen Gesundheit' stehen zwei Betroffene, die offen über ihre Erkrankungen reden. Der 47-jährige Manfred (Name geändert) war Drucker, als Panikattacken und Wahnwahrnehmungen begannen. Einen Sonnenaufgang erlebte er als Bombenabwurf und Kriegsausbruch, Lastwagen, die abgeladen wurden, waren für ihn Deportationen.

'In einer Psychose ist seine Wahrnehmung für den Betroffenen klar und logisch und nicht die Wahrnehmung der Durchschnittsbevölkerung', erläutert Kammerlander.

Manfred erlebte erst drei Monate, dann drei Jahre psychotische Phasen, Angstzustände und Antriebslosigkeit in Aufenthalten in Bezirkskrankenhäusern. Er fühlte sich verfolgt, die Gedanken kreisten unentwegt, er litt an Selbstwertverlust.

Neuroleptika, Mitpatienten, Selbsthilfegruppen und Hilfe durch Psychiater führten dazu, dass 'ich es geschafft habe, wieder auf den Boden der Welt zurückzukehren'. Heute arbeitet er im Wertstoffhof und hat sich ein Umfeld aufgebaut.

In ihrem erlernten Beruf als Schauspielerin tritt Helga (Name geändert) ab und an wieder auf die Bühne. Die 50-Jährige reagierte mit Magersucht und Depression auf die Scheidung ihrer Eltern und kam schon mit 15 Jahren für ein Jahr in die Psychiatrie. In ihrem Abschiedsbrief beschuldigte ihre Mutter die 21-jährige Tochter, an ihrem Suizid 1983 schuld zu sein.

Helga entwickelte Angst vor dem Essen, hat sich mit 42 Kilo 'im Spiegel als fett erlebt'. Zwölf Jahre lang war sie in einem Wohnheim, sechs Jahre in Kliniken, immer 'fremdbestimmt', in Verlust- und Schuldgefühlen gefangen.

Seit 2007 brauchte sie mit Hilfe von ambulanter Therapie, Arbeit und selbständigem Wohnen keinen Klinikaufenthalt. Sie bittet trotz ihrer 'Macken' rund ums Thema Essen, 'nicht in eine Schublade gesteckt zu werden.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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