Sozialbeirat
Letzter Rettungsanker, wenn alles schiefgeht

Tamara (Name geändert) aus Immenstadt war gerade 15, als ihre Mutter starb. Der Vater wollte mit ihr nach Kaufbeuren ziehen. Ihr letztes Schuljahr wollte die Tochter aber an der Hauptschule in Immenstadt verbringen, um in gewohnter Umgebung ihren Abschluss zu machen. Für die zwangsläufig notwendige tägliche Bahnfahrt von Kaufbeuren nach Immenstadt zur Schule fehlte dem Vater aber das Geld. Der Fall landete beim Sozialbeirat Immenstadts. Markus Ditterich ist der Vorsitzende. «Da hätte ich unheimlich gerne geholfen», erklärt er zu den Aufgaben dieses Gremiums. Doch dem Sozialbeirat waren die Hände gebunden. Die Schülerin meldete sich nicht mehr.

Die Institution ist 2009 auf Anregung von Bürgermeister Armin Schaupp gegründet worden. Das Gremium entscheidet beispielsweise über die Vergabe von kleineren zinslosen Darlehen oder auch Zuschüssen aus dem seit Jahrzehnten bestehenden Sozialfonds der Stadt. Meistens, so Ditterich, werden Darlehen an Hilfsbedürftige bewilligt, wenn ihnen etwa eine Zwangsräumung der Wohnung droht oder das Elektrizitätswerk den Strom abgestellt hat. Dem 35-jährigen Bankkaufmann Ditterich, zugleich Mitglied des katholischen Pfarrgemeinderats von St. Nikolaus, tut so etwas immer wieder weh: «Alle Fälle haben eine gewisse Tragik.» Dies gilt für den ehrenamtlich tätigen Beiratsvorsitzenden auch dann, wenn die Betroffenen aus eigenem Verschulden in Not geraten.

Unfähig sich selbst zu helfen

«Die Menschen sind oft unfähig, sich selbst zu helfen», hat Ditterich beobachtet, ohne dass er daraus einen Vorwurf stricken will. Eine Mischung aus Scham und Hemmungen, die Lage ungeschminkt beim Namen zu nennen, sei spürbar. Ditterich: «Da werden Missstände einfach verdrängt». Lieber steckten Betroffene den Kopf in den Sand, als beispielsweise rechtzeitig mit dem Vermieter zu sprechen, weil die Miete wegen Arbeitslosigkeit oder Krankheit vorübergehend nicht gezahlt werden könne. Auch ein rechtzeitiger Gang zu den Ämtern werde gelegentlich versäumt. Ditterich: «Wir sind dann der letzte Rettungsanker.»

Man könne die Menschen doch nicht in die Obdachlosigkeit schicken, erklärt der Beirats-Sprecher, warum man sich trotz aller persönlicher Schuld Betroffener nicht abwenden dürfe. Immerhin häufen sich nach Ditterichs Worten die Notfälle: «Die Kluft zwischen Reich und Arm wächst - auch in Immenstadt.» Selbst wenn das soziale Netz engmaschig sei, «gibt es Menschen, die sich daran nicht festhalten können».

Rebecca Schaidnagel als Leiterin des städtischen Referats für Schulen, Kindertagesstätten und soziale Koordination leitet die besonders schwierigen Fälle an den Sozialbeirat weiter. Ditterich entscheidet dann zusammen mit Bürgermeister Schaupp über die weitere Vorgehensweise. Gewährte Darlehen müssen in der Regel zurückgezahlt werden. Die Laufzeit der Kredite richtet sich nach der individuellen Notlage der Hilfsbedürftigen.

Hilfe hat auch Grenzen

Ditterich berichtet von einem aktuellen Fall, in dem einer Frau wegen einer offenen Stromrechnung 1200 Euro vorgestreckt wurden. Die Schuldnerin wird nunmehr die Summe durch monatliche Raten von je 50 Euro abstottern. Allerdings gibt es auch Grenzen für eine spontane und schnelle Hilfe dieser «letzten Instanz»: Dies gilt dann, wenn zu hohe Geldbeträge auf dem Spiel stehen oder der Betroffene hoffnungslos überschuldet ist. Insgesamt aber gilt für den Sozialbeirat mit Ditterich an der Spitze: «Das ist ein schönes Ehrenamt, das mache ich gern.»

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