Musiksommer
Hochgefühl und Abgrund - Das Bayerische Landesjugendorchester in Sonthofen

Manches Ende gleicht einem Anfang. So steht beim Sinfoniekonzert des Bayerischen Landesjugendorchesters in der Sonthofer Kirche St. Michael nicht nur eine Ouvertüre am Schluss des Programms, sie eröffnet auch das Tor zu einer neuen Welt. Der Welt des Komponisten Antonín Dvorák, die in dem Konzert des Oberstdorfer Musiksommers als die reizvollste erscheint.

Wenige Jahre, nachdem Giuseppe Verdi 1887 mit der Vertonung von Shakespeares Tragödie 'Othello' neue Maßstäbe im Bereich der Oper gesetzt hat, bannt der tschechische Komponist den Stoff in die Form einer Sinfonischen Dichtung, die er Ouvertüre nennt.

Sie erzählt – sich auf zentrale Motive des Dramas konzentrierend – von der Liebe: dem Hochgefühl, das sie auszulösen, den Abgründen, die sie zu öffnen vermag.

Mit delikaten Nuancen zwischen zarter Poesie und wilder Raserei schildert das Bayerische Landesjugendorchester unter der Leitung von Simon Gaudenz das erschütternde Schicksal der treuen Desdemona, die von ihrem eifersüchtigen Geliebten erwürgt wird.

Der Weg zu diesem fein erspürten Charakterstück führt an diesem Abend über zwei umfangreichere Werke, die gleichsam für Anfang und Ende der Romantik stehen und vor allem temperament- und kraftvoll ausgelotet werden: Robert Schumanns Sinfonie in d-Moll und Sergej Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini.

Schumanns Vision, eine Sinfonie in einem Satz zu schaffen, verwirklichen die jungen Musiker als respekteinflößendes Monument mit Ecken und Kanten. Schroff meißeln sie die rhythmische Struktur heraus und setzen sie hart gegen lyrische Melodien ab, die milde und versöhnliche Züge annehmen.

Obwohl er die im Orchesterklang kompaktere zweite Fassung des Werkes von 1851 ausgewählt hat, setzt der Basler Dirigent auf eine sehr durchsichtige Gestaltung dieser beruhigenden Momente und deckt dort ein lichtes, filigranes Stimmengewebe auf.

Noch stärker schärft Gaudenz die Kontraste in Rachmaninows Paganini-Rhapsodie. Von angriffslustig bis zärtlich, von bizarr bis leidenschaftlich reichen die pointierten Merkmale, die diese 24 Variationen über ein Paganini-Thema erhalten.

Spätromantische Süße ist hier nirgends zu finden, selbst das schwärmerische Andante cantabile zieht zügig vorüber und entfaltet doch emotionale Wirkung.

Das liegt nicht zuletzt an dem Solisten dieses verkappten Klavierkonzertes von 1934: Der 24-jährige Pianist Joseph Moog versteht es vor allem den gefühlvollen Momenten des Werkes Tiefe zu geben, stilsicher, ohne ins Rührselige abzugleiten.

Aber natürlich weiß er auch, den überaus virtuosen und effektvollen Solopart brillant zur Demonstration seines erstaunlichen pianistischen Könnens zu nutzen.

Schon davor hatte er mit einem Klavierstück von Franz Liszt Hochzeitsmarsch und Elfenreigen aus Mendelssohns Musik zum 'Sommernachtstraum' plastischen Ausdruck verliehen. Gleichsam eine Einspielübung oder besser eine vorweggenommene Zugabe.

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