Prozess
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Fünffache Mutter wegen Misshandlung der eigenen Kinder vor Sonthofer Schöffengericht

Schläge, Schikanen, Hunger und ein Leben in einer vermüllten Wohnung. Eine 16-Jährige und ihr 15-jähriger Bruder sollen dieses Martyrium jahrelang erlitten haben. Jetzt steht in Sonthofen die 39-jährige Mutter vor dem Schöffengericht - wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen.

'Das Jugendamt hat lange zugeschaut', sagte Richter Alfred Reichert zum Prozessauftakt. Die Anklagepunkte, die die Staatsanwältin auflistet, wiegen schwer: Die Mutter soll ihre Tochter als Kleinkind vom Schoss geschubst und auf sie eingeschlagen haben. Laut Anklage wurde sie vom Kindsvater abgehalten, das Kind totzuschlagen.

Den Buben soll sie so lange ins Gesicht geschlagen haben, bis seine Nase blutete. Beide Kinder sollen fast ein Jahr lang regelmäßig misshandelt worden sein. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft schlug die Mutter in einzelnen Fällen sogar den Kopf der Kinder gegen die Wand. Oder sie verwendete gar einen Teppichklopfer.

Zudem soll die 39-Jährige die Geschwister mit Gegenständen wie etwa Spielsachen beworfen haben. Hinzu kamen laut Anklage Schikanen: Die Kinder seien gezwungen worden, sich die ganze Nacht in die Ecke zu stellen und von der Mutter abgestellte Bücher auf den ausgestreckten Händen zu balancieren. Der Junge musste laut Staatsanwaltschaft sogar sein Blut trinken.

Die 39-Jährige lässt den Vortrag der Staatsanwältin am Amtsgericht über sich ergehen. Sie sitzt regungslos neben ihrem Verteidiger auf der Anklagebank. Manchmal schüttelt sie kurz den Kopf. Die fünffache Mutter bestreitet die Vorwürfe: 'Ich habe meine Kinder nicht geschlagen; es gab höchstens mal einen Klaps auf den Hintern oder auf die Finger', sagt sie.

Den Vorfall, bei dem sie ihre Tochter geschubst und geschlagen haben soll, räumte sie jedoch ein. 'Ich war überfordert.' Andere Vorwürfe verwies sie ins Reich der Fantasie: 'Wir hatten nie einen Teppichklopfer, das ist aus meiner Vergangenheit. Das kennen die Kinder nur aus Erzählungen.'

Neben den Schlägen mussten die Kinder laut Anklage für ihre zwei kleineren Geschwister (sechs und acht Jahre alt) übermäßig Verantwortung übernehmen, die 16-Jährige für den Sechsjährigen sogar die Mutterrolle. Sie schwänzte die Schule, um sich um ihren Bruder zu kümmern. Zudem wird der 39-jährigen Angeklagten vorgeworfen, sie habe die Kinder weder ausreichend und ausgewogen ernährt, noch die medizinische Grundversorgung gewährleistet.

'Sie sorgte weder dafür, dass genügend Nahrungsmittel im Haushalt vorhanden waren, noch versorgte sie die Kinder mit dem vorhandenen Essen', sagte die Staatsanwältin. Die 39-Jährige und ihr Ehemann, gegen den ebenfalls ein Verfahren läuft, hätten sich aus dem Kühlschrank bedient. Den Kindern drohten Schläge, wenn sie es ihnen gleichtaten.

Den Geschwistern sei teilweise verdorbenes Essen überlassen worden. Laut Anklage waren auch die hygienischen Verhältnisse katastrophal, weil Haustiere Fäkalien in der Wohnung hinterließen und die Kinder teilweise Lebensmittel vom Boden aßen. Auch da widersprach die Angeklagte den Schilderungen der Staatsanwältin. 'Wir hatten Probleme mit der Ordnung, aber es war auch immer zu essen da.' Abends habe sie warm gekocht.

Deutliches Untergewicht

Die Misshandlungen blieben laut Staatsanwaltschaft nicht ohne Folgen: Bei der Aufnahme in eine Pflegefamilie im Jahr 2009 zeigte sich bei beiden Geschwistern ein deutliches Untergewicht und Essstörungen. Sie hatten eine verzögerte Sprachentwicklung und sprachen nicht in vollständigen Sätzen. Das Verfahren am Amtsgericht ist auf drei Verhandlungstage angesetzt. Auch die Kinder sollen im Prozess gegen ihre Mutter aussagen.

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