Geschichte
Die Vorfahren der Heimhubers aus Sonthofen fotografierten die Berge rund um Oberstdorf

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'Das war ein wilder Hund.' Eugen Heimhuber deutet auf ein Foto mit biertrinkenden Burschen. Entstanden ist es um 1900. Mittendrin sitzt Fritz Heimhuber, der Großvater. Im Sonntagsgewand, mit der Gitarre in der Hand, bester Stimmung. Doch dieser Fritz Heimhuber genoss nicht nur gemütliche Runden. An anderen Tagen unternahm er Dinge, welche die meisten Menschen der damaligen Zeit als ziemlich verrückt ansahen. Heimhuber war Fotograf und bannte – mit seinem Bruder Eugen – die Allgäuer Bergwelt auf Bilder. Freilich nicht von unten, sondern oben, bisweilen auf den Gipfeln, im Sommer wie im Winter. Die beiden gelten – zusammen mit ihrem Vater Josef – als Pioniere der Bergfotografie im Allgäu.

Josef Heimhuber kam im Jahr 1876 nach Sonthofen und eröffnete 1877 ein Fotoatelier. Er lichtete vor allem Mitglieder des Bayerischen Königshauses ab, die zum Jagen ins südliche Oberallgäu anreisten. 'Königlich-bayerischer Hoffotograf' durfte er sich deshalb nennen.

Bald wandte er sich auch anderen Majestäten zu: den Bergeshöhen rings um Oberstdorf. Eine für die damalige Verhältnisse ungeheuerliche Sache, vor allem im Winter. Heimhuber wollte den Leuten unten im Tal Bilder von ganz droben zeigen (und natürlich auch an sie verkaufen).

Eine Welt also, die seinerzeit für viele völlig fremd war. Bergsteigen? Steckte quasi in den Kinderschuhen. Mit den Skiern auf die Berge? Eine schwierige Sache, da mit Fellen erst experimentiert wurde; Schuhe und Bindungen genügten den Anforderungen kaum.

Josef Heimhuber hielt das nicht davon ab, seine Kamera Richtung Gipfel zu schleppen. Eugen Heimhuber, der Urenkel von Josef und heute Besitzer des Ladens in vierter Generation, schüttelt bewundernd den Kopf, wenn er über die Strapazen berichtet, die erst sein Urgroßvater und später sein Großvater und sein Großonkel auf sich nahmen, um einzigartige Momente im Hochgebirge einzufangen.

Sie hatten nicht nur die sperrige Kamera auf den Berg zu bringen, sondern auch ein lichtundurchlässiges Dunkelkammerzelt und die zerbrechlichen Glasplatten, auf die sie ihre Motive bannten. Ohne eine gewissen Anzahl von Helfern ging das gar nicht.

Oben mussten sie das Zelt aufschlagen. Drinnen wurden die Glasplatten mit einer lichtempfindlichen Emulsion bestrichen. Zehn Minuten hatte der Fotograf dann Zeit, um eine Aufnahme zu machen. Dazu brauchte er Fingerspitzengefühl: Für ein paar Sekunden nahm er den Deckel vom Objektiv, um die Platte zu belichten. Gleich danach entwickelte er die Aufnahme im Zelt. Bei eisigen Temperaturen eine fingerversteifende Sache.

Um 1900 herum stiegen Josef Heimhubers Söhne Fritz und Eugen ins Geschäft ein. Sie waren aber nicht nur leidenschaftliche Fotografen, sondern auch glühende Fans des Alpinismus.

Für ihre winterlichen Exkursionen in die Berge ließen sie sich extra Bretter aus Norwegen kommen – 'weil es hier keine gab', wie Enkel Eugen Heimhuber weiß. Wohl noch mehr als Josef Heimhuber fotografierten seine Söhne unter extremen Bedingungen – was extrem interessante Motive bescherte.

Fritz’ Sohn, der ebenfalls Fritz hieß, führte die Tradition später in dritter Generation weiter. Glücklicherweise sind die Aufnahmen von Landschaften, Bergen und Dörfern, aber auch von kulturellen und gesellschaftlichen Ereignisse sowie von Menschen erhalten.

Die Zahl ist kaum zu glauben: Rund 300 000 Negative kamen zwischen 1877 und 1950 zusammen. Sie lagern im Keller des Fotohauses Heimhuber in Sonthofen. Noch. Denn dieser Schatz, den der Sonthofener Bergfilmer Alexander Freuding vor fünf Jahren bei Recherchen 'entdeckte' und der nun 'visuelles Gedächtnis Allgäu' genannt wird, soll nun gehoben werden.

Der Landkreis Oberallgäu hat sich bereit erklärt, die Negative, die von Schimmel und Pilzen bedroht sind, zu sichern, zu digitalisieren und zu archivieren. Damit diese einzigartige Dokumentation der Nachwelt erhalten bleibt. Die Kosten von rund 100 000 Euro sollen auf mehrere Schultern verteilt werden: Landkreis, Stadt, Freistaat, die EU, Unternehmen und Stiftungen geben Geld. Dass diese Allianz zustande kam, freut das jetzige Besitzerpaar, Claudia und Eugen Heimhuber.

Inzwischen kann auch die Öffentlichkeit den Schatz bewundern. Derzeit sind ausgewählte historische Fotografien im Heimathaus Sonthofen und in der Villa Jauss in Oberstdorf zu sehen. Es folgen Ausstellungen in Kempten, Immenstadt und im Allgäuer Bergbauernmuseum.

Wie wertvoll der Fotoschatz im Heimhuber-Keller ist, davon zeugen aber auch Äußerungen von Experten wie dem schwäbischen Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl. 'Das Archiv bildet das kulturgeschichtliche Gedächtnis des Allgäus', erklärte er. 'Es ist für Schwaben und insbesondere für das Allgäu einmalig.'

Machten sensationelle Bilder in den Bergen: Eugen (links) und Fritz Heimhuber. Beispielsweise das Foto oben, das im Jahr 1900 entstand und Fritz Heimhuber zeigt.

Claudia und Eugen Heimhuber mit einer historischen Kamera. Foto: Laurin Schmid

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