Altenpflege
Berufsfachschule für Altenpflege in Immenstadt: Schüler setzen sich mit dem Sterben auseinander

Annelie Wüsten-Gaa war 16, als sie ihren Vater verlor. Er hatte einen Herzinfarkt, lag drei Tage lang im Koma. Sie war nicht dabei, als er starb. Die Mutter habe sie schützen wollen. Doch für die 35-jährige langjährige Pflegehelferin war das 'keine schöne Erfahrung'. Inzwischen hat sie vielen Menschen auf ihrem letzten Weg beigestanden: 'Die Begleitung von Sterbenden gibt mir sehr viel.' Die dreifache Mutter aus Durach beendet diesen Sommer ihre dreijährige Ausbildung in der Berufsfachschule für Altenpflege in Immenstadt.

'Wenn ich in einem Altenheim arbeite, weiß ich, dass es die letzte Station der Bewohner ist', sagt Schulleiterin Annegret Fabry-Dorner. 'Es ist klar, dass sich unsere Schüler damit auseinandersetzen müssen.'

In der Schule lernen die angehenden Altenpfleger, häufig Wiedereinsteiger, das 'Faktische', wie die 53-jährige Sozialpädagogin sagt. Die Themen sind etwa Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, aktive und passive Sterbehilfe.

Ein zweiter Themenkomplex ist Ethik. Im zweiten Ausbildungsjahr zieht sich der Klassleiter mit den Schülern für zwei, drei Tage auf eine Hütte zurück. Häufig wird er von einem Pfarrer begleitet, 'weil er nah am Thema ist', so Fabry-Dorner. Dort setzen sich die Schüler in einem geschützten Rahmen mit dem Tod auseinander, mit ihrem persönlichen Erleben und ihren Reaktionen.

'Wenn ich mit dem Thema nicht umgehen kann, dann wirft es mich um', sagt die Schulleiterin. Wobei jeder für sich eine eigene Strategie entwickeln müsse.

Jasmina Poljak aus dem Kleinwalsertal sieht das ganz nüchtern: 'Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt.' Die Mitschülerin von Annelie Wüsten-Gaa ist mit 21 Jahren die jüngste in der Klasse mit 15 Schülern. Ihre praktische Ausbildung – insgesamt 2500 Stunden – hat sie großteils im 'Haus der Senioren' in Oberstdorf absolviert. Der Tod, lächelt sie, sei für sie stets gegenwärtig: Sie wohne neben einem Friedhof.

'Es ist einfach so', sagt sie, die den Abschied vom Leben so gut gestalten möchte, dass es für den Sterbenden und die Pflegekräfte 'in Ordnung' sei.

Hilfreich sei ein Abschiedsritual, sagt Fabry-Dorner. Es sei gut, an das Bett des Toten zu treten, ihm vielleicht ein paar Dinge zu sagen, die einem wichtig sind. Wer gläubig ist, könne beten und eine Kerze anzünden.

Und der Schüler beziehungsweise der spätere Altenpfleger sollte an der Beerdigung teilnehmen, um sagen zu können: Ja, das ist das Ende. Die betroffenen Schüler können sich danach einen Tag Auszeit nehmen. Dafür ist Jasmina Poljak dankbar. Sie unternimmt etwas mit ihren Freunden, und sie redet mit ihren Kollegen.

Zum Beispiel mit ihrer Klassenkameradin Antje Würfel, die ebenfalls im 'Haus der Senioren' arbeitet. Die 38-jährige dreifache Mutter aus Sonthofen hat Eltern und Großeltern auf tragische Weise verloren. Der Papa sei abgestürzt, als sie dreieinhalb Jahre alt war, die Oma sei unerwartet im Operationssaal gestorben, die Mama habe einen Herzinfarkt nicht überlebt.

Diese plötzlichen Verluste habe sie am Anfang gar nicht verarbeiten können. Erst jetzt könne sie mit ihrem Mann, dem 'Ruhepol' in der Familie, über diese Erlebnisse reden. Und jetzt hat sie den Wunsch, dass sie Sterbende begleiten möchte. 'Mein Mann würde sagen: Der Tod bestimmt mein Leben.' Sie fügt hinzu, es sei der richtige Beruf für sie.

Annelie Wüsten-Gaa, die ihre praktische Ausbildung schwerpunktmäßig im Seniorenzentrum Durach durchläuft, will danach in die Palliativpflege gehen. Einen Menschen menschenwürdig bis zum Schluss zu begleiten, sei noch nicht selbstverständlich: 'Ich denke, dass da noch viel Arbeit zu tun ist.'

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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