Special Wirtschaft im Allgäu SPECIAL

Interview
Bald keine Dorf-Metzger und -Bäcker mehr?

Gibt es bald in kleineren und mittelgroßen Orten keine Bäcker und Metzger mehr? Wie berichtet, hat der Bayerische Ministerrat noch im alten Jahr den Gemeinden bei der Ansiedlung von Einzelhandelsgroßprojekten einen größeren Spielraum eingeräumt. Konkret sind nach diesem Kabinettsbeschluss demnächst 1200 Quadratmeter Verkaufsfläche möglich statt bisher 800 Quadratmeter. Kritiker befürchten, Investoren von Einkaufszentren können in Zukunft viel größer bauen und dann Metzgereien, Bäckereien und Dienstleister integrieren.

Die Handwerkskammer sieht darin eine bedrohliche Konkurrenz zu bestehenden Betrieben. Über dieses Thema sprachen wir mit Hans-Peter Rauch, Metzgermeister aus Waltenhofen-Hegge (Oberallgäu) und Vizepräsident der Handwerkskammer für Schwaben: Herr Rauch, der Ministerratsbeschluss vom 21. Dezember 2010, wonach die Gemeinden in absehbarer Zeit bei Einzelhandelsprojekten eine Verkaufsfläche bis zu 1200 Quadratmetern genehmigen können, dürfte einem Metzger nicht wurscht sein?

Rauch: Ganz gewiss nicht. Bisher konnte man damit leben, dass solche Projekte nur bis zu einer Verkaufsfläche von maximal 800 Quadratmetern durch die Gemeinderäte zu genehmigen sind. Damit waren große Einkaufszentren mit einer ganzen Reihe integrierter Läden im ländlichen Raum nicht möglich.

Das heißt, auch wenn sich ein mittelgroßer Lebensmittelmarkt angesiedelt hat, blieb dennoch die gewachsene Einkaufsstruktur in den Orten weitgehend erhalten?

Rauch: Im Großen und Ganzen: ja. Das Landesentwicklungsprogramm in der bisherigen Auslegung hat sich bewährt. Ich verstehe wirklich nicht, warum das geändert werden soll.

Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil argumentiert, die größeren Spielräume bei der Ansiedlung von Einzelhandelsgroßprojekten würden dem dringenden Wunsch gerade der Gemeinden im ländlichen Raum entsprechen

Rauch: Wenn das so ist, habe ich überhaupt kein Verständnis dafür. Auf der einen Seite jammern viele Kommunalpolitiker über das Ausbluten der Ortskerne. Andererseits wollen sie Riesen-Märkte am Dorfrand haben.

Aber viele Kommunen versuchen doch gerade mit der Beteiligung an Dorfläden das Ortszentrum wieder zu beleben?

Rauch: Da lügen sich doch viele Politiker in die eigene Tasche. Zuerst ermöglichen sie Großprojekte auf der «Grünen Wiese». Wenn dann der letzte Bäcker und der letzte Metzger im Dorf aufgibt, werden mit Steuermitteln und ehrenamtlichen Helfern krampfhaft Dorfläden errichtet. Die meisten sind dann nach einem Jahr pleite.

Sie sind selber im Oberallgäu Kreisrat, haben aber nicht die allerbeste Meinung von einem Teil der Kommunalpolitiker?

Rauch: Ich habe schon manchmal den Eindruck, dass manche Bürgermeister und Gemeinderäte wenig Ahnung von der Praxis haben. Deshalb werden ja so viele und teure Gutachter engagiert. Meistens erweitert das aber auch nicht den Horizont.

Alteingesessene Bäckereien und Metzgereien, deren Produkte durch qualitativ hochwertige Ausgangsstoffe und große Personalkosten etwas teurer sind - und neue Einkaufsmärkte mit meist etwas günstigeren Artikeln: Geht das nicht beides nebeneinander?

Rauch: Auf Dauer fürchte ich nicht. Der Anteil der Kunden, die bereit sind, für Qualität mehr zu zahlen, ist nicht hoch und bleibt begrenzt. Die breite Masse schaut nur auf den Preis. Wenn ein neuer großer Supermarkt kommt, führt das bei uns immer zu einem Verdrängungswettkampf.

Und neue Kunden sind auf lange Sicht nicht zu erwarten?

Rauch: Wir haben im Allgäu und in anderen ländlichen Gebieten keinen Zuzug und auch keinen Babyboom. Der Konsum stagniert also. Er verlagert sich nur. Das werden übrigens nicht nur die kleinen Handwerksbetriebe merken. Auch die großen Handelsketten bauen ihre Filialen immer näher zur Konkurrenz, um sich Kunden abzujagen.

Für Sie und ihre Handwerker-Kollegen insgesamt also keine rosigen Aussichten?

Rauch: Am Ende verlieren die Dörfer ihre Metzger und Bäcker, die oft über Generationen hinweg nicht nur die Bevölkerung mit Lebensmitteln aus der Umgebung versorgt, sondern auch regelmäßig jungen Menschen eine fundierte Ausbildung ermöglicht haben.

Wurstküche schließen und Backofen kalt werden lassen. Oder sehen Sie doch noch eine Alternative?

Rauch: Wir können nur auf die Politik hoffen. Die Kommunen sind gut beraten, keine zu großen Einheiten zu befürworten, wie sie nach dem Kabinettsbeschluss nun möglich wären. Überzogenen Vorstellungen von Investoren sollten die Gemeinden einen Riegel vorschieben.

Die aktuelle Umfrage zu diesem Thema finden sie hier

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Hier finden Sie aktuelle und spannende Beiträge zu dem Thema

 

 

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