Praxisprojekt
Aus schrottreif wird fahrtüchtig

Rostlöcher in der Karosserie, keine Reifen, keine Sitze - das Auto ist reif für den Schrottplatz. Sollte man meinen. «Nein, nein», wehrt Wolfram Graf ab, «das machen wir wieder fahrtüchtig.» Der 46-jährige Fahrzeugexperte ist technischer Betriebsleiter beim «Autohaus im Städtle», und mit «wir» meint er nicht die Mitarbeiter in der Werkstatt, sondern Jungen und Mädchen von der achten Ganztagsklasse an der Mittelschule Immenstadt. Denn der kleine Fiat, nur noch über das Logo auf dem Lenkrad zu identifizieren, ist ein Projekt zur «vertieften Berufsorientierung», erläutert Klassleiter Jens Kuhnert.

Heute dürfen Vanessa und Franziska, beide 15, an dem Wrack schrauben. Sie bauen mit Unterstützung von Graf die rechte Hinterachse zusammen. Nacheinander ziehen sie Muttern an dem Bremsträger fest, tragen eine ölige weiße Paste auf, «damits nachher wie geschmiert läuft», so Graf. Er lobt den Arbeitseifer der insgesamt 20 Schüler, die jeweils zu zweit an zwei Nachmittagen für anderthalb Stunden in der Werkstatt stehen. Wie kommen die Mädchen zurecht? Da sehe er eigentlich keinen Unterschied, meint der Meister. «Die langen richtig hin, machen sich auch gern schmutzig.»

Absolute Premiere

Für Vanessa ist die Arbeit in einer Autowerkstatt eine absolute Premiere: «Ich habe keine Erfahrungen», sagt sie. Franziska dagegen hat ihrem Papa schon mal über die Schulter geschaut, der sich beruflich um die Fahrtüchtigkeit von LKWs kümmert. Gerade helfen die Schülerinnen Wolfram Graf mit aller Kraft, knapp handlange Federn mit einer gewaltigen Spannung an dem Bremsträger anzubringen. «Die Federn sind nötig, damit die Bremsen wieder zurückgehen», erläutert der Fachmann. Die Mädels dürfen zum Schluss mit einem Hammer die Federenden einklopfen. «Ich habs mir schwerer vorgestellt», meint Vanessa. Franziska macht es Spaß, die einzelnen Arbeitsschritte in dem Original-Reparaturhandbuch von Fiat zu verfolgen.

Das Handbuch habe er im Auftrag des Chefs auf «ebay» ersteigert, erzählt Wolfram Graf. Genauso wie den Fiat 126, Baujahr 1987. Er habe ein Auto haben wollen, das von der Technik her relativ einfach sei. Die Idee zu dem Autoprojekt, das vom staatlichen Schulamt unterstützt wird, stammt von Lehrer Kuhnert, der dem Autohaus für die Kooperation sehr dankbar ist. Begonnen hat die Instandsetzung des Fiat im Schuljahr 2009/10, im Herbst des nächsten Jahres soll das kleine Auto fertig sein.

Danach ist geplant, das Auto zu verkaufen und den Erlös in das nächste Projekt zu stecken. Welche Farbe das Gefährt haben wird, soll die Klasse bestimmen. «Wird sicher nicht rosa», schmunzelt Jens Kuhnert: In der Klasse sind 12 Buben und acht Mädchen. Franziska würde eine «giftige» Farbe schätzen.

Thilo Kuntz, Geschäftsführer des Autohauses, sieht in der Zusammenarbeit von Schule und Betrieb durchaus Vorteile, könnten die Schüler doch künftige Mitarbeiter oder auch Kunden sein. Franziska und Vanessa werden wohl keine Lehre in einer Werkstatt beginnen. Franziska möchte Einzelhandelskauffrau im Modebereich werden, Vanessa plant eine Ausbildung zur Mediengestalterin. (vk)

 

Über die Kooperation zwischen Betrieb und Schule freuen sich (von links) Thilo Kuntz, Franziska, Lehrer Jens Kuhnert, Mittelschulleiter Wolfgang Knoll, Wolfram Graf und Vanessa. Foto: Veronika Krull

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