Tage mit Sinn
Zwischen Besinnung und Kommerz

Der Advent gilt als die besinnliche Zeit schlechthin. Christen bereiten sich in den Wochen vor Weihnachten vor auf eines ihrer Hochfeste, die Geburt Jesu. Auf der anderen Seite ist kaum eine Zeit so angefüllt mit Terminen und Stress. Der evangelische Dekan Jörg Dittmar und der katholische Regionaldekan Reinhold Lappat erklären, was es mit dem Advent auf sich hat. Lappat löst den Oberallgäuer Pfarrer Karl-Bert Matthias ab, der bei unserer Serie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mitwirken kann. Bei der Reihe «Tage mit Sinn» beleuchten die Theologen Feiertage der Konfessionen. Denn viele Menschen kennen heutzutage die Hintergründe gar nicht mehr.

Alle Jahre wieder mahnen die Kirchen, dass das jetzt die stille Zeit wäre. Ich glaube, das ist vergeblich, die Hektik gehört einfach zum Advent dazu.

Lappat: Ich habe manchmal das Gefühl, selbst schnell in so einem Fahrwasser zu sein, rase von einer Besinnung zur anderen und komme gar nicht mehr zur Besinnung. Auch die Angebote in den Kirchen werden eher mehr. Ich plädiere da immer: Nehmt euch zurück.

Dittmar: Das mit dem besinnlichen Advent hat wohl noch nie funktioniert. Der vorchristliche Ursprung ist ja die Ankunft eines Königs mit Gefolge. Und die Leute, zu denen er kommt, haben Vorbereitungen zu treffen. Das ging kaum ohne Hektik ab. Heute überträgt man das auf die Vorbereitungszeit für den Herrn aller Herren. Gott wird Mensch in Jesus Christus - darauf soll sich der Mensch ausrichten.

Lappat: Da muss es auch Momente geben, um sich zu besinnen. Ich kenne das von meiner Oma, die ist in dieser Zeit dreimal zum Beichten gegangen und hat gefastet. In der katholischen Kirche hat man das als Umkehrzeit definiert, wo du dein Leben sortieren musst. Es ist o.k., wenn die Fassade stimmt, aber es soll auch bei mir drin stimmen. Da muss ich reinhören: Wie lebe ich, was ist mir wichtig? Advent ist heute vor allem Konsumzeit. Wenn Nikoläuse Ende August in den Geschäften liegen, braucht man sich nicht wundern, dass die Sinnhaftigkeit des Ganzen immer mehr fehlt.

Dittmar: Mit der Bewegung «Advent ist im Dezember» sind wir Kirchen gemeinsam immer wieder aufgetreten gegen solches Unwesen. Das haben viele unterstützt. Mein Eindruck ist: Wir werden als Kirche immer Teil eines Systems sein, das in dieser Jahreszeit Kontraste produziert. Je schneller, lauter und kommerzieller es ist, desto mehr werden Menschen sagen, ich brauche eine Auszeit. Angebote wie Fasten und Exerzitien werden mehr genutzt als je zuvor. Auch zum Konsum gibt es den Gegentrend: Nie ist das Herz so offen für Menschen in Not, nie wird soviel gespendet. In diesem Kontrast zu seinem Frieden zu finden, ist das Schwierige. Manchmal hätte ich Lust, zu sagen, jetzt ist es genug Berieselung. Weihnachten ist etwas zutiefst Ernstes. Da muss ich vorab Einstellungen von mir überprüfen.

Lappat: Ich versuche, mich selbst ab und zu rauszunehmen, aber das gelingt nicht immer. Die Leute nehmen einen einfach mit. Advent verbreitet trotzdem eine heimelige Stimmung. Kerzen, Plätzchen, Punsch. Es ist ja wichtig, dass Menschen so beisammen sitzen, gerade auch die Jungen.

Dittmar: Mir fällt noch etwas auf: Diese Zeit konfrontiert uns im Herzen mit der eigenen Kindheit. Advent heißt für mich auch, den Schmerz spüren, ich bin nicht mehr Kind. Auch Christus ist erwachsen geworden. Er hat dann Dinge gesagt, die haben ihm Ärger eingebracht. Wenn wir jedes Jahr nur das Jesus-Baby feiern, müssen wir uns nicht wundern, wenn wir irgendwann Schnuller im Mund haben.

Lappat: Diese Zeit ist dadurch ein Stück weit definiert: Umkehr und Neuorientierung meines Lebens. Ich warte auf jemanden, ich warte aber auch auf mich. Wenn wir diese Tiefe vermitteln können, hat der Advent viel erreicht.

Dittmar: Ich bin und bleibe ein Fan der Adventszeit - trotz oder wegen dieser Verzerrungen. Entscheidend ist doch: Wir sollten nicht nur im Haus eine Kerze anzünden, sondern auch sehen, obs im eigenen Herzen hell ist. Markus Raffler

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