Griechenland-Krise
Warum Familie K. aus Füssen die Wut ihrer Landsleute nur zu gut verstehen kann

Griechenland kommt nicht aus den Schlagzeilen heraus. Das hoch verschuldete Land ist erneut auf Hilfe der Europäischen Union angewiesen, um einen Staatsbankrott abzuwenden. Zugleich lässt der Sparkurs der Regierung die Volksseele kochen: Regelmäßig gehen die Menschen auf die Straßen, immer wieder eskaliert die Gewalt. Andrianna K. hat Verständnis für die Wut ihrer Landsleute: «Wenn wir jetzt zuhause wären, würden wir wohl auch demonstrieren», sagt die 28-jährige Griechin, die seit ihrer Geburt in Deutschland lebt.

Ihre beiden Onkel Elefterios und Aristoteles betreiben das griechische Restaurant << Alte Säge >> in Füssen. Die Krise in ihrem Heimatland ist derzeit Thema Nummer eins in der Familie - eines, das den Hellenen in Füssen die Zornesröte ins Gesicht treibt - und das nicht nur, während sie vor dem Fernseher sitzen und über griechische Sender Nachrichten aus erster Hand erhalten.

<< Die Lage ist katastrophal >>, ärgert sich Aristoteles wild gestikulierend über die zerfahrene Situation - Elefterios nickt zustimmend. An allem Schuld seien die beiden Regierungsparteien <a class='weiter' href='http://de.wikipedia.org/wiki/Pasok' target='_blank' title='Zum Wikipedia-Eintrag'><< Pasok >></a> und <a class='weiter' href='http://de.wikipedia.org/wiki/Nea_Dimokratia' target='_blank' title='Zum Wikipedia-Eintrag'><< Nea-Dimokratia >></a>. Sie hätten den Staat heruntergewirtschaftet und so die Krise erst ausgelöst. Die Regierung habe kein System, sie habe nichts unter Kontrolle.

<p class='nurwennwerbung'><< Ich kenne einen Fall, bei dem Familienmitglieder die Rente von bereits verstorbenen Verwandten kassiert haben >>, nennt Nichte Andrianna kopfschüttelnd ein Beispiel. Durch gute Beziehungen sei in Griechenland zuletzt fast alles möglich gewesen. Das sei sogar soweit gegangen, dass für Stimmen bei der Wahl Jobs vergeben wurden.</p>

Der einzige, der Griechenland nun helfen könne, sei Georgios Karatzaferis, der Chef der <a class='weiter' href='http://de.wikipedia.org/wiki/Laikos_Orthodoxos_Synagermos' target='_blank' title='Zum Wikipedia-Eintrag'>Partei Laos</a> und bis 2007 Mitglied des EU-Parlaments. << Er hat diese ganze Katastrophe vorhergesehen >>, betont Aristoteles. Er wolle nicht nur die Wirtschaft stabilisieren, sondern auch für Ruhe sorgen. << Die Touristen sollen sich sicher fühlen bei uns, denn es kann nicht sein, dass Menschen wegen ihrer Kamera ermordet werden >>, ärgert sich Andrianna.

An Staatschef Papandreous lassen die griechischen Gastronomen dagegen kein gutes Haar: << Er könnte Schafhirte werden, aber ganz sicher keine Politik mehr machen >>, schimpft Elefterios. Die jetzt eingeführten Sparmaßnahmen, die für die heftigen Proteste sorgen, gingen hauptsächlich zu Lasten der Kleineren, die ohnehin schon mit gestiegenen Preisen klarkommen müssten - angefangen von Milch und Brot bis zu Hygieneartikeln, die << unglaublich teuer geworden sind >>.

<p class='tbold'><< Wir haben eigentlich alles >></p>

Was Familie K. so erbost: Eigentlich müsste jeder Grieche << mit einem goldenen Löffel >> essen können. Denn das Land sei wohlhabend, besitze große Öl- und Plutonium-Vorkommen, sei bei Touristen beliebt. << Wir haben eigentlich alles, was wir zum Leben brauchen >>, schwärmt Andrianna. Wenn da nicht die Politik wäre: << Sie macht einfach nichts draus! >>

Und wie gehen die Gäste mit dem Thema um? Sie nähmen Anteil an der Lage, mitunter jedoch fielen auch Kommentare wie ,Ich arbeite für dein Land! Das freilich dürfe man nicht so ernst nehmen, winkt Andrianna locker ab.

Die Familie versucht im Alltag konsequent, ihre Wurzeln zu pflegen. << Wir sprechen immer griechisch und schauen griechisches Fernsehen >>, erklärt Andrianna (28), die eigentlich aus Essen stammt. Auch ihre beiden Onkel leben schon seit rund 30 Jahren in Deutschland. Das Elternhaus der Familie steht in Giannitsa, nicht weit von Thessaloniki. << Wenn sich die Politik in Griechenland ändern würde, würden wir wohl eines Tages wieder zurück gehen >>, sind beide überzeugt.

Den Staatschef Papandreous erwartet heute eine Vertrauensabstimmung im griechischen Parlament. Gegen Mitternacht wird das Ergebnis bekannt gegeben. Lesen Sie hier einen Hintergrundartikel zur <a class='weiter' href='http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,769511,00.html' target='_blank' title='Spiegel Online'>Vertrauensabstimmung im griechischen Parlament</a> auf Spiegel Online.

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