Abschied
Schwere Jungs und kleine Fische - Füssens Polizeichef geht in Ruhestand

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42 Jahre und exakt 147 Tage trug er Uniform. In dieser Zeit hat Günther Stadler fast alles erlebt, was der Polizeidienst zu bieten hat. Schwere Jungs und kleine Fische, Serien-Einbrecher und kaltblütige Mörder, aber auch greise Ladendiebe und blutjunge Promillesünder. Ende Februar ist damit Schluss. Dann gibt der 60-jährige Chef der Polizeiinspektion (PI) Füssen Waffe und Dienstmarke ab und verabschiedet sich in den Ruhestand. Schon der Vater des gebürtigen Sulzbergers (Oberallgäu) stand als Kripobeamter in Diensten der Polizei.

Günther Stadler, der ursprünglich Lehrer werden wollte, zog 1969 nach. Nach ersten Stationen in Seeon (Chiemsee) und München kam er 1972 zur damaligen Stadtpolizei Augsburg – und erlebte dort Einschneidendes: RAF-Terroristen sprengten seinen Lehrsaal im Polizeipräsidium Augsburg in die Luft.

'Wir hatten an diesem Tag zufällig frei, es gab nur Sachschaden', erinnert sich Stadler mit Schaudern an die Wahnsinnstat des 'Kommandos Thomas Weisbecker'.

Drei Jahre später wurde ein 31-jähriger Streifenkollege an der A 8 bei einer Kontrolle erschossen. Täter war einer der beiden mutmaßlichen Polizistenmörder, die für den Tod zweier Beamter 2011 in Augsburg verantwortlich gemacht werden.

'Der war damals zu zweimal lebenslänglich verurteilt worden, kam aber nach 19 Jahren auf freien Fuß', erzählt Stadler kopfschüttelnd. 'Unvorstellbar'

Nach Abschluss der Beamten-Fachhochschule in Fürstenfeldbruck in den gehobenen Dienst befördert, ging es für den Diplom-Verwaltungswirt zurück ins Allgäu. Erst 'Vize' der damals selbstständigen Grenzpolizei Füssen, wechselte er 1994 als stellvertretender Chef zur PI.

Dort wurde 2004 sein großer Traum wahr: Der Wahl-Füssener übernahm die Leitung des 'schönsten Dienstbereichs in Bayern', zu dem 67 Planstellen in Füssen und der untergeordneten Dienststelle Pfronten gehören.

Dass diese Medaille zwei Seiten hat, wusste der Erste Polizeihauptkommissar von Anfang an. Die Königsschlösser lockten nicht nur prominente Besucher wie den früheren US-Präsidenten Bill Clinton an, für dessen Sicherheit Stadler 2003 mitverantwortlich war.

Auch manch böser Bube trieb sich – nicht selten professionell organisiert – hier herum. Umso zufriedener war der Polizeichef, als 2007 eine Bande Taschendiebe aus Osteuropa nahe der Schlösser gefasst wurde. 'Seitdem ist es in dieser Richtung recht ruhig bei uns', freut sich Stadler.

Manch Einsatz freilich ging auch Stadler unter die Haut – etwa der Fund der zerstückelten Frauenleiche 2008. 'Man darf so was nicht in sich reinfressen, sonst kann man den Job nicht machen', lautet sein Fazit. Überhaupt habe sich der Polizeidienst in gut 40 Jahren stark verändert, betont der PI-Leiter.

Das betreffe die deutlich verbesserte Ausrüstung ebenso wie die Rolle der Polizei in der Bevölkerung. 'Der Respekt schwindet, zugleich ist die Erwartungshaltung enorm gewachsen.' Zudem würden die Beamten zunehmend mit Bagatellen zugeschaufelt.

'Wenn aus Sicht eines Bürgers irgendwo zu viele Autos fahren, geht man damit zur Polizei, obwohl wir nicht zuständig sind.

' Auf der anderen Seite nähme immer mehr Papierkram die Beamten in Beschlag. Wobei die Zeit des klassischen Dorfpolizisten, der früher in den Gemeinden steter Ansprechpartner war, ohnehin vorbei sei.

'Dennoch versuchen wir, regelmäßig draußen präsent zu sein', betont Stadler. 'Der Kontakt zu den Menschen ist enorm wichtig – das versuche ich, jedem jungen Kollegen einzubläuen.'

Ob sich der Polizei-Nachwuchs diese Worte zu Herzen genommen hat, wird sich nach Stadlers Pensionierung zeigen. Ab März übernimmt Markus Eisenlauer für sechs Monate den Chefposten.

Bereits morgen wird der Beamte, der vom Bayerischen Innenministerium kommt, öffentlich vorgestellt. Wer die PI Füssen danach dauerhaft führen wird, ist bislang noch offen.

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