Geschichte
Riedener starb angeblich 1808 ndash Er schrieb aber 1812 an seine Familie

Vor rund 200 Jahren überschritten mindestens 420 000 Soldaten Kaiser Napoleons die russische Grenze. Zur französischen Armee gehörten über 30 000 Bayern, darunter viele Allgäuer. Einer von ihnen war Benedikt-Josef Waibel aus Rieden. Er kehrte von dem Feldzug nicht mehr zurück. Waibels Schicksal war sonderbar. Denn in Rieden gedenkt man seines Todes seit 1808, gestorben ist er aber wohl 1812, wie aus einem verschollenen Brief aus dem Jahr 1851 hervorgeht. Die Geschichte entdeckte Matthias Kögl, dem der Brief in die Hände fiel.

'Erst 1851 kam das Schreiben nach Rieden zur Familie Waibel. Ein Nachfahre schenkte mir den Brief, da ich alte Quellen über die Gemeinde sammle', erzählt der 89-Jährige, der auch an der Riedener Chronik mitgearbeitet hat.

Waibels Vater kam aus Linden nach Rieden und hatte dort mit seiner Frau sechs Kinder. Der zweite Sohn, Benedikt-Josef, wurde am 29. April 1784 geboren.

Während seiner Kindheit brach die Französische Revolution aus und danach führte Napoleon mit der 'Grande Armee' in Europa Krieg. Wann Waibel in die bayerische Armee eintrat, ist unbekannt. Da er zuletzt Corporal war, diente er wohl schon einige Zeit.

Waibel hatte eine Armeedienstpflicht von acht Jahren Dauer. Dennoch verfasste er persönlich an 'einem halben Tag den Brief mit zitternder Hand ', berichtet Waibel. Er marschierte am 24.

Juni 1812 mit der Armee in Russland ein, wo die Soldaten sehr schnell aufgrund ungenügender Ausrüstung an Durst und Hitze, später an Hunger und Kälte litten – sie hatten nicht einmal Biwaks dabei.

Waibel kam nur bis Bollozk (Polazk), wo er an der Schlacht am 16. August teilnahm, bei der die bayerische Armee unter großen Verlusten einen russischen Angriff abwies. Seit dem 29. August lag Waibel schwer krank im Lazarett. Ihm schwoll der ganze Körper an, er habe 'Füße wie Bierkübel'.

Doch im Spital habe es weder Medikamente noch Essen gegeben.

Schließlich sei nicht mehr die russische Armee, sondern der Hunger der größte Feind gewesen: 'Es sind jetzt so viele Leute krank, dass die Companie nur noch 12 bis 15 Mann stark ist', schreibt er.

Waibel sehnte sich nach häuslicher Suppe, aber 'wir sind halt in einem Land, wo nichts ist'. Und er weiß, dass es mit ihm zu Ende geht: 'Nun lasse ich es dem lieben Gott über. Ich hätte so gerne mein Vaterland noch einmal gesehen.'

Das Todesjahr von 1808 auf dem Kriegerdenkmal ist wohl definitiv falsch, denn 1851 kam der Soldat Dimas Höbel aus der Schützenkompanie Lindau nach Rieden und brachte Waibels Brief von 1812 mit.

Da hatte sich Bayern längst von Frankreich abgewandt: Im Frühjahr 1813 waren nur noch maximal 80 000 Soldaten der geschlagenen Armee aus Russland wiedergekehrt – darunter seien noch rund 4000 Bayern gewesen. Im Oktober 1813 wechselte Bayern auf die Seite der Sieger. Da aber war Waibel wohl schon längst tot: 'Ich schließe mein Schreiben und empfehle mich in Schutz Gottes.'

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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