Ehrenamt
Mehr Last, weniger Schultern

«20 Jahre war ich mit Leib und Seele Schützenvorstand in Hopferau. Nach diesem Schreiben habe ich aber gesagt: Jetzt reichts!» Das Schreiben, das Xaver Linder bekam, war ein Bußgeldbescheid des Landratsamtes Ostallgäu. Die Behörde machte den Vorsitzenden der Hubertus-Schützen persönlich dafür haftbar, dass zwei Jugendliche auf einem Vereinsfest Alkohol zu trinken bekamen (wir berichteten). Rechtlich gesehen ein klarer Fall, der für Linder jedoch den «Tod des Ehrenamts» bedeutet. Er beschloss, seinen Posten 2012 an den Nagel zu hängen. Ein Nachfolger ist nicht in Aussicht. «Das tut sich doch keiner mehr an», resümiert Linder.

In der Tat scheint es auch bei anderen Ehrenämtern im Füssener Land Engpässe zu geben. So tritt Hermann Leser zum Jahr 2012 zurück. Der ehrenamtlich tätige Leiter der Volkshochschule beklagt, die Verwaltung würde zunehmend komplizierter und umfangreicher. Auch die Unterstützung von öffentlicher Seite bemängelt Leser. Ohne Rücktrittdrohungen würde seitens der Behörden oft gar nicht mehr reagiert.

Im Landratsamt Ostallgäu teilt man diese Ansicht nicht. Die Servicestelle EhrenAmt bietet laut Leiterin Marlene Dopfer eigens Kurse an, die Menschen bei der Ausübung ihres Ehrenamts unterstützen. «Wir greifen die Themen auf, bei denen der Schuh drückt», betont Dopfer. Zudem würdige man herausragend Engagierte mit einem Ehrenabzeichen. Schützenmeister Linder hält davon wenig: «Auszeichnungen bedeuten mir nicht viel.

Darüber hinaus bietet das Landratsamt wenig Effektives.» Linder sieht das Problem in der Verantwortung, die mit einem Ehrenamt einhergeht. Dies sei ein großes Hemmnis für Mitglieder, einen Posten zu übernehmen. «Das war eigentlich schon immer so, aber in den letzten fünf Jahren hat es sich verschärft», sagt er.

Zu dem gleichen Schluss kommt Rudolf Klammsteiner. Der Vorsitzende des EV Pfronten muss den Verein seit geraumer Zeit mit dezimiertem Präsidium am Leben erhalten. «Wir haben zwar offiziell sechs Vorstände, zwei davon haben sich aber zurückgezogen», erläutert Klammsteiner. Zudem bräuchte er noch einen sportlichen Leiter. «Mehr Last wird auf immer weniger Schultern verteilt», schlussfolgert Klammsteiner.

«Leicht war es nie»

Ehrenamtsbeauftragte Dopfer kann keinen Rückgang feststellen. «Dass es in Einzelfällen schwierig ist, Nachfolger zu finden, war auch in der Vergangenheit bereits so.» Aber durch die hervorragende Jugendarbeit im Ostallgäu könnten Ehrenämter größtenteils immer wieder neu besetzt werden, erklärt Dopfer. Dennoch blickt Christian Weiher skeptisch in die Zukunft. Als Fußball-Jugendleiter des SV Lechbruck musste er dieses Jahr bis kurz vor Spielbetrieb noch Jugendtrainer suchen. «Leicht war es nie, aber dieses Jahr hätten wir fast Mannschaften abmelden müssen.» Gerade für die Jüngsten würde kaum jemand gerne das Kindermädchen spielen wollen, betont Weiher.

Auch die Freiwillige Feuerwehr in Füssen habe Probleme bei der Nachwuchsarbeit, sagt Kommandant Heinz Weller. Im Konkurrenzkampf um die Jugendlichen komme man oft zu spät. «Wir haben mittlerweile eine Jugendfeuerwehr und wollen so etwas bald auch für Kinder anbieten.» Denn kleine Kinder hätten oftmals den Traum, Feuerwehrmann zu werden, erklärt Weller. Falls nichts getan werde, habe man perspektivisch ein Problem. «Gerade tagsüber wird unsere Personaldecke immer dünner.» Der Grund sei, dass viele Aktive nicht mehr in der unmittelbaren Umgebung arbeiteten. Bleibt der Nachwuchs aus, sieht Weller nur eine Lösung: «Das Schlimmste wäre eine Berufsfeuerwehr. Da würden bis zu 1,5 Millionen Euro an Personalkosten auf die Stadt zukommen.»

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