Stadtbibliothek
Lesung von Benedict Wells eröffnet die neue Reihe des Fördervereins in der Orangerie

Zeitgenössische deutsche Literatur und Fußball gehören seit Peter Handkes Erzählung 'Die Angst des Torwarts beim Elfmeter' von 1969 zusammen. Eine Pointe zu 'Sätzen und Strafstößen' gab Wolfgang Bader jetzt in der Orangerie der Stadtbibliothek Füssen zum Besten.

Der Vorsitzende des Fördervereins „Lesezeichen“ berichtete von einer unerhörten Begebenheit: „Der junge Mann spielte im Sturm, ich war wieder einmal in der Verteidigung.“ Während des Fußballspiels am Hohenschwangauer Gymnasium blieb Zeit, sich auszutauschen. Vom früheren Internatsschüler Benedict Wells hatte der Lehrer Bader natürlich schon gehört: Dem Nachwuchsautor eilt Ruhm voraus.

Ausgezeichnet für sein Romandebüt mit dem Bayerischen Kunstförderpreis (für 'Becks letzter Sommer') stieg Wells – vom bekannten Verlag Diogenes unter Vertrag genommen – zu einem Hoffnungsträger der aktuellen Literaturszene auf. In Hohenschwangau berichtete er Bader von seinem dritten Buch mit dem Titel 'Fast genial'. Ergebnis war Wells’ Engagement im Rahmen der ersten 'Lesezeichen-Autorenlesung'.

Ab der ersten Minute war klar: Dem Schriftsteller, Jahrgang 1984, blühte ein echtes 'Heimspiel' mit allen Vor- und Nachteilen, den ein Auftritt vor Freunden, Bekannten und Fans mit sich bringt.

Dass sich sein Mathelehrer ausgerechnet in der ersten Reihe einen Platz gesucht hatte und das Publikum im Schnitt viel jünger als bei anderen Autorenlesungen war, ließ den Gast unter der Leselampe schnell zur Hochform finden. Die Fußnote, dass Autoren keine Profi-Sprecher sind, wie Martin Harbauer, könnte bei Wells auf Lesereise vielleicht schon bald gestrichen werden. Mit herzlichem Applaus wurde seine Mühe honoriert, den Romanfiguren bei den Dialogen eigene Stimmen zu geben.

Kapitelweise gab er Einblick in das 336 Seiten starke Werk, das in den USA in einem Kaff und später in Las Vegas spielt. Wells unterbrach die Lesung einige Male und schilderte in freier Rede, wie es weitergeht.

Dabei blieb natürlich offen, ob sich der Autor für seine Hauptfigur, den 17-jährigen 'Schulversager' Francis Dean auf der Suche nach seinem als mögliche 'Geistesgröße' vorgestellten Vater ein Happy End ausgedacht hatte. Ebenso spannend wie die Handlung des klassischen Entwicklungsromans, der im präzisen Stil der Short Story verfasst ist, stellten sich eher ernüchternde Einblicke in den Literaturbetrieb und die Arbeit als Schreibender dar. Vom verschnörkelten und verschachtelten Satzbau – gepflegt seit Thomas Mann – hat er sich intelligenterweise radikal getrennt.

Durch diesen Schritt und die genau an der richtigen Textstelle platzierten Metaphern gewinnt er als Erzähler die Intensität, die auch das Füssener Publikum fesselte. Die darüber hinaus sehr sympathische in zwei Halbzeiten aufgeteilte Performance endete vor der Signierstunde mit kurzen Blitzen. Benedict Wells holte eine Mini-Kamera aus den Manteltaschen und fotografierte das Publikum als wollte er hier begeistert zum Augenblicke sagen: 'Verweile doch, du bist so schön.'

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