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Imker
Gerd Ullinger erläutert, warum nicht nur die Varroamilbe am Bienensterben schuld ist

Die Europäische Union schlägt Alarm: Der Gesundheitszustand der europäischen Bienen sei «sehr, sehr besorgniserregend», sagen die EU-Agrarminister. Deshalb hat die EU nun dem seit Jahren grassierenden Bienensterben den Kampf angesagt. Darüber und über die steigende Beliebtheit der Imkerei sprachen wir mit Gerd Ullinger (66) aus Obergünzburg, dem Leiter der Imkerschule in Kleinkemnat.

Herr Ullinger, die EU-Agrarminister fordern dazu auf, die «rätselhafte Bienenkrankheit» aufzuklären. Ist damit die Varroamilbe gemeint?

Ullinger: Seit Jahren wird von der Varroamilbe als Auslöser des Bienensterbens gesprochen - aber die ist nicht rätselhaft: Sie wurde circa 1977 aus Asien eingeschleppt. Aber nicht nur die Varroa alleine ist schuld. Wer oder was denn dann?

Ullinger: Die fortschreitenden Monokulturen in der Landwirtschaft. Durch sie geht die Pollenvielfalt zurück, was zu einem Versorgungsengpass bzw. einer sehr einseitigen Ernährung bei Bienen führt. Warum ist das schlimm?

Ullinger: Das ist so, als ob wir uns immer nur von ein- und demselben Lebensmittel ernähren würden. Das Immunsystem der Bienen wird durch die einseitige Ernährung geschwächt. Damit sind sie anfälliger für Krankheiten, die zum Beispiel durch die Varroa verbreitet werden.

Stichwort Monokulturen: Was halten Sie von der zunehmenden Beliebtheit von Biogasanlagen in der Region?

Ullinger: Biogasanlagen führen zu einseitigem Maisanbau und schränken die Arten- und damit auch die Pollenvielfalt für Bienen ein. Im Grünland kommen durch die kürzere Mähfolge die Pflanzen nicht mehr zur Blüte. Der Staat müsste dem eigentlich entgegen steuern. Stattdessen wurde die Förderung für Blühflächen im Kulturlandschaftsprogramm ab 2011 gestrichen.

Was kann man noch tun, um das Bienensterben zu verhindern? Zum Beispiel einen Importstopp verhängen?

Ullinger: Ein Importstopp kann nur EU-weit funktionieren und existiert in der EU ja auch. Gegen die Varroamilbe hilft der zwar nicht mehr - die ist schon da. Aber er hilft dabei, weitere Schädlinge fernzuhalten.

Wie sieht es denn derzeit mit der Bienenpopulation im Ostallgäu aus?

Ullinger: Eine Prognose darüber, wie viele Bienenvölker den Winter überleben, ist erst ab Ende März möglich. Die Bienen befinden sich derzeit noch in ihrer Wintertraube und beginnen jetzt langsam erst wieder mit der Brutpflege.

Dabei sind die Winterbienen stark gefordert: Wenn ihr Immunsystem zu sehr geschwächt ist, können sie ihre Brut nicht versorgen - und die Brut schlüpft nicht mehr. Welchen Einfluss hat die Witterung?

Ullinger: Es ist besser, wenn es, wie im vergangenen Winter, durchgehend kalt ist. Bei einer Wärmeperiode zwischendrin besteht die Gefahr, dass die Bienen vorzeitig mit ihrer Brutpflege anfangen - bis zu einem erneuten Kälteeinbruch.

Apropos vergangenes Jahr: Da gab es wohl kein so großes Bienensterben

Ullinger: Allgäuweit lagen die Verluste bei circa 17 Prozent, das ist zumindest im gelben Bereich. Und es gab einige Imker, die im Winter überhaupt kein Bienenvolk eingebüßt haben. Dies liegt mit Sicherheit auch an der guten Aus- und Fortbildung der Imker durch die Imkerschule und die entsprechenden Lehrbienenstände.

Wie sieht es eigentlich mit dem Imkernachwuchs im Ostallgäu aus?

Ullinger: Es geht bergauf! Die Talsohle wurde durchschritten und wir haben leichten Zuwachs zu verzeichnen: So haben wir für 2010/2011 an der Imkerschule in Kleinkemnat den Anfängerkurs aus Platzgründen zweigeteilt. Interview: Heiko Wolf

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