Reportage
Ganz nah am Skalpell: Videodreh im Operationssaal der St.-Vinzenz-Klinik in Pfronten

Hoffentlich wird mir nicht übel oder ich falle in Ohnmacht. Kann ich überhaupt direkt hinsehen? Wie wird es sein, wenn ein Mensch vor meinen Augen operiert wird? Ich kenne es aus Filmen und Serien, aber auf einmal ist es Realität. Ich bin bei einer Schulteroperation im Operationsaal und soll ein Video darüber drehen. Zum Glück kann ich Blut sehen, denke ich mir.

Die Realität überrascht mich dann doch. Ich bin nicht in Ohnmacht gefallen oder habe mich übergeben. Im Gegenteil. Es war spannend, interessant und überhaupt nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Los geht es um 6 Uhr morgens. Eins steht fest: Chirurgen sind Frühaufsteher. Auf dem Weg zur Klinik gibt es nur ein kleines Frühstück zur Sicherheit. Dann ging es auch schon direkt los zum Umziehen. OP-Haube, Schutzmaske, Schuhe, Hose und Oberteil. Alles in Krankenhaus-Grün.

Wir machen die Kameras sauber. Danach geht es in die Schleuse zum Sterilisieren. Der Patient mit der verletzten Rotatorenmanschette an der Schulter liegt bereits in Narkose auf dem Tisch. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Das OP-Team legt los.

Die Schulter wird zunächst mit einem Endoskop von innen durchleuchtet und die Verletzung begutachtet. Alles noch harmlos. Ein kleiner Schnitt für die Kamera. Blut ist nur ein kleiner Tropfen zu sehen. Dann geht das Licht an, der Chirurg zückt das Skalpell. Der Schnitt geht schnell und ist größer als ich dachte. Ich kann den Muskel unter der Haut sehen. Doch das scheint mir nicht Wirklichkeit zu sein. Es wirkt alles sehr professionell und normal. Ist es ja auch für die Ärzte.

Mir steigt plötzlich ein seltsamer, unbekannter Geruch in die Nase. Als ob jemand ein Stück Fleisch auf dem Grill vergessen hat, aber doch anders. Es ist verbrannte Haut. Der Schnitt vom Skalpell wird verödet, damit kein Blut mehr fließt. Doch ich kann nicht darüber nachdenken. Es geht sofort weiter mit der Operation. Ich gewöhne mich an den seltsamen Geruch.

Der Chirurg geht sehr routiniert vor. Jeder Handgriff sitzt und die Sehne wird mit Schrauben befestigt. Die Geräusche der Bormaschine kommen mir vom Heimwerken bekannt vor und auch die Werkzeuge im OP sehen für mich wie aus dem Werkzeugkoffer aus.

Nach gut 90 Minuten ist auch schon alles wieder vorbei. Der Schnitt in der Schulter ist vernäht, der Patient im Aufwachraum und zu meiner Überraschung habe ich Hunger. Meine Sorgen, dass ich nicht hinsehen kann, haben sich nicht bestätigt. Die professionelle Atmosphäre im OP hat dazu auch viel beigetragen, alles war so selbstverständlich. Doch eins bleibt mir in der Nase. Der Geruch von verbranntem Fleisch. Auch nach dem Duschen bleibt mir der Geruch im Gedächtnis.

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