Archäologie
Fachleute halten Inschriften in Ammergauer Alpen für Sensation

Die Buchstaben sind etwa zehn Zentimeter lang und einen halben Zentimeter tief, der Rest ist verwittert. Die Rede ist von den rätischen Inschriften, die vor einiger Zeit in den Ammergauer Alpen entdeckt wurden. Unter Fachleuten gelten sie als Sensation, handelt es sich doch um die ersten Inschriftfunde rätischer Kultur auf Bayerns Boden. 'Es wäre denkbar, dass die Räter mit diesen besonderen Inschriften ihre Anwesenheit belegen wollten, so tief und mächtig sind sie geritzt', sagt Franz Mandl, Obmann des österreichischen Vereins Anisa (Verein für alpine Forschung). An ihn wandte sich eine örtliche Heimatforschergruppe, als sie die Felsbilder im Landkreis Garmisch-Partenkirchen entdeckte. Mandl identifizierte sie als rätische Inschriften.

Seit über 30 Jahren betreibt der Verein Felsbildforschung und archäologische Untersuchungen im Alpenraum. Mandl veröffentlichte zuletzt ein Buch über Felsbilder in Österreich und Bayern, in dem auch die Funde in den Ammergauer Alpen dokumentiert sind. Der genaue Fundort soll zum Schutz der Ritzungen geheim bleiben.

'Diese Felsbilder heben sich von anderen Funden ab', erklärt Mandl. Sie seien etwa 2000 Jahre alt und könnten auf das erste Jahrhundert vor oder nach Christus datiert werden. Sie befinden sich an einem überhängenden Wandbereich, der geschützt liegt. Dort haben sie die Zeit überdauert, ein Teil ist wegen der starken Verwitterung jedoch kaum mehr lesbar. Derzeit würden sie transkribiert, die Dokumentation sei noch nicht abgeschlossen.

'Wichtig ist, dass man sie als rätische Schrift erkennt, denn das bedeutet, dass dort Menschen in dieser Zeit anwesend waren.' Und das weit weg vom Tal. Jagd oder Almwirtschaft seien denkbare Erklärungen dafür, auch kriegerische Auseinandersetzungen könnten in Betracht kommen, so Mandl.

Wissenschaftlich fundiert sei dies beim derzeitigen Stand der Forschungen noch nicht. Um gar Anzeichen einer Besiedlung auf bayerischem Boden zu finden, müssten nun Ausgrabungen folgen. 'Es ist denkbar, dass sich Räter etliche Kilometer bis ins Landesinnere hinein angesiedelt haben', sagt Mandl. Damit erweitern sich die Kenntnisse über die Siedlungsgebiete der rätselhaften Volksgruppe. 'Hier ist noch viel zu tun für die Forschung.'

Eine mögliche Verbreitung der Räter bis ins Ostallgäu schließt der Wissenschaftler nicht aus. 'Die Räter sind ein alpiner Kulturkreis. Sie haben die Berge geliebt', sagt er. Ihre Spuren finden sich auch im Bodenseeraum. 'Die Grenzen waren damals nicht so starr. Erst die Römer haben klare Linien gezogen.'

Auch Dr. Martin Pietsch vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege hält eine weitere Verbreitung der Räter für möglich: 'Es ist durchaus denkbar, dass die Allgäuer Alpen zu ihrem Siedlungsgebiet gehört haben.' Bislang gebe es im bayerischen Alpenraum nur wenige Funde historischer Inschriften.

Ausgrabungen seien nicht geplant. Der Fund sei aber ein wichtiger Schritt, um mehr über Kultur und Sprache der Räter herauszufinden. 'Hier ist vieles unklar, was die Inschriften umso aufregender macht.'

Und welche Konsequenz hat die offenbar vorgeschichtliche Inschrift für Füssen? Schließlich erreichten die Räter vermutlich übers Lechtal das nördliche Alpenvorland und streiften damals wohl auch die Füssener Gegend. 'Wir gehen nicht davon aus, dass unsere Geschichtsbücher umgeschrieben werden müssen', erläutert Kulturamtsleiter Thomas Riedmiller.

Füssens Geschichte 'manifestiert sich weiterhin mit den Römern', verweist er auf das Kastell, das bei Grabungen im Bereich des Hohen Schlosses durch Mauern und Begleitfunde nachgewiesen wurde. Die Räter seien geschichtlich möglicherweise früher einzuordnen, doch gebe es im Füssener Raum keinerlei Nachweis.

'Man weiß ja nicht einmal, ob sie in den Ammergauer Alpen siedelten oder nur hier durchzogen.' Deswegen seien weitergehende Einschätzungen nur 'ein Stochern im Trüben.'

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