Schlosskonzerte Neuschwanstein
Ein Abend auf Schloss Neuschwanstein bei Schwangau

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'It´s closed, sorry.' Die Frau mit dem Schrubber in der Hand greift gleich zum Englischen, um den Mann mittleren Alters davon abzuhalten, die Herrentoilette im Eingangstor zu betreten. Was bei diesem Stirnrunzeln auslöst, und die Frage: Warum wird Schloss Neuschwanstein schon jetzt geschlossen? Es ist erst halb sechs, und die Sehenswürdigkeit habe doch bis sechs offen! 'Heute abend sind Schlosskonzerte', erklärt die Klofrau, jetzt auf Deutsch, und schrubbt weiter. Ihr pressiert´s.

In diesen Tagen herrscht der Ausnahmezustand auf Schloss Neuschwanstein. Tagsüber drängeln Tausende von Besuchern durch den weltberühmten Bau, abends finden im Sängersaal und dem Dach die Schlosskonzerte statt. Jeden Abend zwischen 17.30 Uhr (wenn die letzten Besucher zur Führung eingelassen werden) und 20 Uhr (wenn der erste Ton erklingt) muss das königliche Haus auf Vordermann gebracht werden und das Orchester eine Probe abhalten.

Von der Schlossverwaltung sind neun Leute im Einsatz, erklärt Markus Richter, einer der beiden Kastellane (Burghauptmänner). Und die müssen sich beeilen." Wir arbeiten unter Hochdruck", sagt er. Der Zeitrahmen sei eng. Am Dienstagabend sah dieser Zeitrahmen so aus:

17.34 Uhr Gerade ist der 5103. Besucher des Tages mit der letzten Führung in Richtung Königsgemächer verschwunden, da taucht Alexander Pfeiffer mit Besen und Schaufel im Schlosshof auf. Im Zickzack geht es übers Pflaster, kehrt Kaugummi-Papierchen und Zigarettenstummel auf. "Hier muss so schnell wie möglich sauber sein", sagt er. Immerhin werden bald 420 Konzertbesucher über Höfe, Gänge und Treppen nach oben eilen.

17.40 Uhr Überall dort, wo die letzte Führung durch ist, saugen die Frauen und Männer der Schlossverwaltung Teppiche, wischen und polieren Böden, stauben Geländer und Simse ab, putzen Toiletten.

"Die Konzertbesucher sollen einen tollen Eindruck erhalten", erklärt Kastellan Richter, während die letzten Sonnenstrahlen des Tages durch die Scheiben dringen und die Räume in ein warmes Abendlicht tauchen.

18.15 Uhr Die ersten der 22 Mitarbeiter von Schwangau Tourismus kommen ins Schloss. Sie kümmern sich um Kasse und Einlass, weisen Gäste ein. Viele helfen ehrenamtlich mit. Stephanie Müller (schwarze Bluse, grauer Hosenanzug) hat einen Blumenstrauß in der Hand. "Der ist für den Dirigenten."

18.35 Uhr: Frank Backes tritt schnaufend aus einer versteckt gelegenen Tür. Er ist einer der Orchesterwarte und kontrolliert nochmals Stühle und Notenpulte der Musiker. Die schweren Instrumente wie Pauken oder Kontrabässe wurden schon am Nachmittag hochgebracht.

"Es ist ziemlich eng hier", sagt Backes. "Das ist eine Mordsarbeit." Seit einigen Jahren gibt es einen Aufzug. Vom Parkplatz am Fuß des Schlosses bis zum Sängersaal seien es neun Stockwerke, erläutert Kastellan Richter. "Schloss-Stockwerke wohlgemerkt. In einem normalen Haus wären das 27 Stockwerke."

18.38 Uhr Angelika Wanke durchstreift die 18 Stuhlreihen des Konzertsaales. "Eine letzte Kontrolle", sagt sie. Es könnte ja noch etwas herumliegen, ein abgerissener Knopf etwa. Immer wieder bückt sie sich, um etwas aufzuheben.

18.43 Uhr Die 65 Musikerinnen und Musiker der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern kommen die enge Treppen herauf. Gisela Arnold und Susanne Winkler lassen sich in Zuschauerstühle fallen und schauen sich erst einmal den Saal an. "Eine wunderschöne Atmosphäre", sagt Arnold. "Ich muss erst mal Luft holen", ergänzt Winkler. "Ist ja abgefahren hier", meint ein Cellist beim ersten Blick auf den Ort, wo er heute arbeiten wird. Andere Musiker zücken Fotoapparate, einer filmt. So etwas sehen sie nicht alle Tage.

18.50 Uhr Die Feuerwehrmänner aus Schwangau haben Stellung bezogen. Mit 30 Mann und zwei Fahrzeugen sind sie angerückt und haben sich aufs ganze Schloss verteilt. Der Brandschutz. "Ehrensache, dass wir da sind", sagt Timo Raschke.

18.59 Uhr Organisations-Chef Wolfgang Kühnl im schwarzen Anzug hat auf seinem Weg von unten nach oben nach dem Rechten gesehen. "Passt alles", sagt er lächelnd.

19.04 Uhr Dirigent Karel Mark Chichon hebt den Taktstock. "Tschaikowsky, letzter Satz bitte", sagt er. Die nächste halbe Stunde feilt er am Sound.

19.30 Uhr Die Verantwortlichen werden unruhig. Immer noch probt Chichon. Beethoven. "Das ist schöne Musik", kommentiert Feuerwehrmann Raschke. "Dagegen müssten Sie mal Wagner hören. So schwer, so melancholisch." Aber eigentlich sollten jetzt die Saaltüren geöffnet werden, damit die Zuhörer ihre Plätze einnehmen. Um 19.33 Uhr hat der Dirigent ein Einsehen.

20.04 Uhr Das Konzert beginnt.

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