11. September
Die Anschläge von vor zehn Jahren haben auch in Füssen Auswirkungen gezeigt: Eine Spurensuche

Füssen an einem trüben Vormittag: Meloud El Hihi hat sein Gebet gerade beendet. Der Marokkaner wirkt innerlich aufgeräumt. Allah ist bei ihm. Es ist der richtige Zeitpunkt, um mit El Hihi über seinen Glauben zu sprechen, über seine Religion, den Islam. Und über die Terroranschläge in den USA, die vor zehn Jahren die Welt verändert haben. «Möchten Sie einen Espresso», fragt El Hihi seinen Besucher und bittet freundlich in seinen Laden, einem Basar in der Innenstadt. Der 39-Jährige hat die schlimmen Bilder wie so viele Menschen nie vergessen. «Es hat damals sehr lange gedauert, bis ich das Ganze realisiert habe und darüber sprechen konnte», verrät El Hihi. Heute kann er darüber reden, er hat mit der Zeit seinen Weg gefunden.

Seitdem setzt er auf den Dialog. El Hihi versteht sich als Brückenbauer zwischen den Kulturen. Aber keiner, der auf großer Bühne arbeitet - sondern in seiner eigenen kleinen Welt. Obwohl tausende Kilometer vom Ort des Grauens entfernt, haben die Anschläge auch auf seine Welt, auf sein Leben einen Schatten geworfen.

Die Blicke, die ihn nun auf der Straße trafen, ließen ihn ohne Grund zu einem Verdächtigen werden, von heute auf morgen. << Das war furchtbar unangenehm >>, erinnert sich El Hihi. Dabei saß der Schock über die Geschehnisse bei dem Marokkaner ohnehin tief: Extremisten hatten im Namen seines Islam tausende Menschen ermordet.

Islam mit Terror gleichgesetzt

<< Bis heute wird der Islam immer noch mit Terror gleichgesetzt >>, bedauert auch Pfarrer Thomas Weinmair. Eine ganze Religion stehe seit den Anschlägen am Pranger und unter Generalverdacht, schildert der evangelische Geistliche aus Nesselwang seine Erfahrungen. << Aus Unkenntnis sind viele Menschen gar nicht in der Lage zu differenzieren >>, so der 47-Jährige. Wie El Hihi sieht er es als eine wichtigste Aufgabe an, zwischen den Kulturen und den Religionen zu vermitteln. Im Juli hatte er in Füssen an einer Tagung evangelischer Pfarrer sowie muslimischer Vertreter teilgenommen. << Es waren sehr freundliche Gespräche >>, erinnert sich Weinmair.

Das wundert El Hihi nicht. << Der Islam ist eine lebendige und friedliche Religion >>, sagt er. Die Anschläge hätten den Ruf der Religion nachhaltig gestört, die immer wiederkehrende, nicht selten undifferenzierte Berichterstattung würde Vorbehalte zudem schüren. Seinen Glauben verstecken will der gläubige Muslim jedoch nicht: Er steht dazu - trägt inzwischen sogar einen Bart wie einst der Prophet Mohammed. Die schrägen Blicke auf der Straße sind seltener geworden. Und wenn doch einmal jemand zurückschreckt? << Dann gehe ich drei Schritte auf ihn zu. >>

Das gegenseitige Verständnis habe zugenommen. Gerade jüngere Menschen seien inzwischen aufgeklärter, hat El Hihi in den vergangenen Jahren beobachtet. Das könnte auch daran liegen, dass das Thema im Lehrplan der Schulen aufgenommen wurde.

<< Die Geschichtsbücher sind weitergeschrieben worden, die Anschläge und die Politik der USA sind nun das Schlusskapitel >>, sagt der Fachbereichsleiter für Geschichte und Sozialkunde am Gymnasium Füssen. Gerade Folgeerscheinungen wie die Reaktion der USA auf die verheerenden Anschläge seien Thema und würden bei den Jugendlichen großes Interesse hervorrufen. << Die Motivation bei dem Thema ist eine größere, weil die Schüler die Ereignisse damals schon mitbekommen haben >>, sagt Favero. Das Thema sei dadurch viel greifbarer, die Schüler diskutierten von sich aus viel mehr diskutieren als bei anderen Fragen. << Sie brauchen weniger Input vom Lehrer >>, sagt der Lehrer für Deutsche, Geschichte und Sozialkunde. Das Leben der Schüler indes hätten die Anschläge seiner Einschätzung nach nicht beeinträchtigt.

<< Wir leben im Allgäu im Vergleich zu großen Städten eher in einem geschützten Raum >>, glaubt Favero. Die Vergangenheit aber bleibe präsent - insbesondere in diesen Tagen. Auch für Meloud El Hihi.

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