Hüttenabend
Der Abend der Retter vom Tegelberg

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Über dem Abgrund kommen die Erinnerungen wieder. 'Hier ist es gewesen', berichtet Kabinenführer Jörg Mähr seinem Chef Franz Bucher. Der Geschäftsführer der Tegelbergbahn blickt in die Tiefe, lässt die Bilder von jenem Tag vor seinem geistigen Auge ablaufen – und nickt. Ja, hier ist es gewesen. Hier stand die Bahn und kam nicht weiter. Endstation Abgrund. Schweigen. "Die Woche habe ich eine gute Nachricht erhalten", unterbricht Bucher die Stille. Es geht ums Geld. Mehr will der Chef der Bergbahn erst später verraten. Die außerplanmäßige Fahrt geht dem Ende entgegen. Oben angekommen wartet ein traumhafter Sonnenuntergang auf die Passagiere. Einige Mitglieder der Bergwacht sind schon da, auch die Piloten der Hubschrauberstaffel der Polizei in Bayern kommen wenig später den Berg rauf. Sie alle treffen sich am Samstagabend zu einem Hüttenabend.

Es ist der Abend der Retter des 12. August. Die Anwesenden vereint ein Erlebnis: die aufwendigste, vielleicht auch gefährlichste Rettungsaktion in der Geschichte der Bahn. Ein Gleitschirmflieger hatte an diesem Nachmittag die Bahn lahmgelegt: Mit seinem Schirm verhedderten sich Pilot und Begleiter in den Stahlseilen der Bahn, rund 50 Passagiere sitzen fest, ein Teil muss die Nacht sogar in der Gondel verbringen. Bis alle gerettet sind, dauert es fast 20 Stunden (siehe Infokasten).

Möglich machten das gut 200 Einsatzkräfte. 'Es hat mich überrascht, wie reibungslos alles funktioniert hat', erinnert sich Heinz Hipp von der Bergwacht. Immerhin wären an der Rettung einige Organisationen beteiligt gewesen, die sonst eher selten oder nie zusammenarbeiten würden. In der Stunde der Not wuchsen sie zu einem Team zusammen.

'Das Vertrauen, dass die Zusammenarbeit bei größeren Einsätzen klappt, haben wir gehabt. An diesem Tag wurde es bestätigt', so Hipp. Auch deswegen sind sie heute auf die Hütte gekommen: um ihren Erfolg zu feiern.

Den Rettern geht es an dem Abend nicht darum, an die Geschehnisse zu erinnern. 'Die meisten haben diesen Einsatz längst wieder abgehakt', bestätigt Martin Steiner, der Einsatzleiter der Bergwacht Füssen. Selbst ein Einsatz dieser Größe beschäftige einen Bergretter nicht allzu lang, zumal am Ende alles glimpflich ausgegangen sei – und die nächsten Einsätze schnell folgten. 'Andere Einsätze hängen einem deutlich länger nach', sagt der 48-jährige Steiner.

Das Drama vom Tegelberg sei bei der Bergwacht mit einer Einsatzbesprechung eine Woche später weitgehend abgeschlossen gewesen.

Nicht aber für die Mitarbeiter der Bergbahn: 'Das Ganze steckt unseren Leuten noch immer in den Knochen', so Bucher. Seit dem Unglück sei Hochbetrieb gewesen: 'Wir hatten keine Chance, in Ruhe über alles zu sprechen.' Hinzu kämen täglich Fragen der Passagiere zum Unglück – und der Vorfall vor ein paar Tagen.

'Da ist wieder ein Gleitschirmflieger ein paar Meter über die Bahn hinweg geflogen. Vollkommen unnötig', ärgert sich Bucher über den neuerlichen Schock. Dabei hätten die Mitarbeiter die Kontrollen der Flieger schon verschärft: Neben einer gültigen Lizenz müssten diese auch eine Haftpflichtversicherung vorlegen, um am Tegelberg starten zu dürfen. Letztere hatte der Unglückspilot nicht.

Positive Nachricht

Neben seinem 'großen Lob' für alle Retter hatte Bucher jedoch auch eine gute Nachricht im Gepäck. 'Ich stehe mit der Anwältin des Piloten in Kontakt: Es sieht so aus, als könne er einen Schaden bis 200 000 Euro zahlen', sagte Bucher. Die Anwältin hat eine Auflistung aller Kosten angefordert. Allerdings dürfte es noch einige Zeit dauern, bis sich in der Sache etwas bewegt, rechnet Bucher. Und so lange könne er auch noch nicht damit abschließen. 'Es ist ein Erlebnis, das keiner von uns vergessen wird', sagt Jörg Mähr. Spätestens in der Gondel, hoch über dem Abgrund, kommt die Erinnerung wieder.

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