Sekte
Moderne Sklaverei: Details über die Wankmiller-Gruppe in Füssen werden bekannt

'Ich halte diese Gruppe für äußerst gefährlich: Sie will einen Staat im Staate bilden.' Füssens Bürgermeister Dr. Paul Wengert macht aus seiner Meinung über die sektenähnliche Wankmiller-Gruppe keinen Hehl. Zumal er inzwischen Gespräche mit Aussteigern geführt hat.

Einer von ihnen ist Euclides Granados, der jahrelang mit Wolfgang Wankmiller unter einem Dach lebte: Für ihn handelt es sich um eine Sekte, die mit "einer modernen Art des Sklaventums" eine erhebliche wirtschaftliche Macht aufgebaut hat. Von Seiten der Wankmiller-Gruppe war keine Stellungnahme zu den Vorwürfen zu erhalten.

Der frühere Füssener Stadt- und Kreisrat Wolfgang Wankmiller sorgt seit den 80er Jahren für Schlagzeilen. Er hat eine Gruppe um sich geschart, die der frühere Landtagsabgeordnete Richard Wengenmeier einmal als "so etwas Ähnliches wie eine Sekte" bezeichnete. Jedoch: Die vielen um Wankmiller kreisenden Gerüchte konnten nicht erhärtet werden. Die Gruppe schottete sich ab, auch Aussteiger hielten den Mund.

Für Hubert Kohle, den Referatsleiter für Religions- und Weltanschauungsfragen der Diözese Augsburg, ist Wankmiller ein "Provinz-Guru", doch räumt er ein: "Mir ist zwar viel bekannt, doch basiert das mehr auf Gerüchten als auf Fakten."

Das könnte sich nun ändern. Bürgermeister Wengert will Anzeichen dafür ausgemacht haben, dass eine "Bewegung von ausgetretenen Mitgliedern endlich an die Öffentlichkeit treten will". Einer von ihnen ist Euclides Granados, der aus Venezuela stammt und vor über zwei Jahrzehnten zur Wankmiller-Gruppe stieß. Er erlag der Ausstrahlung des Clan-Chefs: "Herr Wankmiller ist sehr charismatisch veranlagt. Die Leute sind von ihm so fasziniert, dass sie gleich süchtig werden", meint Granados. Auch Wankmillers religiöser Anspruch habe ihn begeistert, meint der 40-Jährige: "Er hat gesagt, er ist die Reinkarnation (Wiedergeburt) von Jesus Christus und von verschiedenen Gottheiten. Am Anfang der Geschichte dieser Gruppe war das der Köder." Doch mittlerweile spielten religiöse Fragen keine Rolle mehr.

Geschäftliches im Vordergrund

Ab Juli 1990 ­ nach einem teuren Kommunalwahlkampf ­ "war der Zauber der ersten Jahre vorbei", so Granados: "Man hat nur noch über Geschäfte gesprochen." Alle Mitglieder der Gruppe wurden in bestimmte Arbeitsbereiche aufgeteilt: die sogenannte Heimatzeitung, den Reformhaus-Bereich, Esoterik-Läden, ein Computergeschäft, Verlage, eine Druckerei, eine Unternehmensberatung, eine Heilpraktikerschule, Esoterik-Messen, ein Immobilienbüro, eine Arztpraxis und anderes. Man betätige sich "in einer Vielzahl unterschiedlichster wirtschaftlicher Bereiche", heißt es in einer Selbstdarstellung der Gruppe, die Wengert zugespielt wurde. Der Bürgermeister zitiert daraus: "Wir streben schrittweise eine wirtschaftliche, kulturelle, politische und letztlich staatliche Autarkie an."

Auf ungefähr 40 Erwachsene und 80 bis 90 Kinder beziffert Euclides Granados die Wankmiller-Gruppe in Füssen. Die Erwachsenen gehören der Schwur-Gruppe an: "Die Schwur-Menschen haben geschworen, für immer in der Gruppe zu bleiben. Das sind die Leute, die finanziell angeschlossen sind, also all ihren Besitz der Gruppe gegeben haben: Wohnungen, Autos, Erbschaften ­ das gehört der Gruppe, sprich dem Herrn Wankmiller, direkt."

Dazu komme noch eine Reihe sogenannter Lebe-Menschen: "Das sind Menschen, die dort leben, aber sich zu nichts verpflichtet haben." Für die Gruppe mussten die Mitglieder kräftig schuften, erzählt Granados: "Die Menschen arbeiten ohne Ende. Sie stehen in der Früh um sechs Uhr auf, gehen nachts um ein oder zwei Uhr ins Bett, und das von Montag bis Sonntag." Geld würde man dafür kaum sehen: Anfangs gab es nur Essen, Unterkunft und Kleidung, später auch Bargeld. Bei Granados, der im November 1998 ausgestiegen ist, waren dies zuletzt 250 Mark im Monat. Für ihn ist das "eine moderne Ausbeutung, viel schlimmer als in einem kommunistischen Land".

Die "Führungskräfte" um Wankmiller würden dagegen gut leben. Er stieg aus, weil er "ein eigenes Leben führen und mein eigenes Geld verdienen" wollte.

Altstadt-Monopoly

Rathaus-Chef Wengert ärgert sich, dass die Gruppe gute Geschäfte mit den Füssener Bürgern macht: So werden Häuser in der Altstadt gerne an die Führungskräfte verkauft ­ da sie fast jeden Preis akzeptieren. Trotz Vorkaufsrecht muss die Stadt meist passen: "Den geforderten Preis konnten wir nicht zahlen", so Wengert zum jüngsten Verkauf. Die Wankmiller-Gruppe griff zu und dürfte damit nach Angaben des Bürgermeisters um die elf Häuser in Füssen besitzen. Weitere Häuser besitzt sie in anderen Orten, hat Wengert von Aussteigern erfahren.

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