Selbstmordgedanken dürfen kein Tabu sein
Welttag der Suizidprävention: Deutschlandweit mehr Tote durch Selbstmord als im Straßenverkehr

Trauer (Symbolbild).

Anlässlich des "Welttags der Suizidprävention" am 10. September hat Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml für einen offe­neren Umgang mit psychi­schen Leiden in der Gesell­schaft geworben. In Deutschland nimmt sich laut dem Präventions-Projekt "[U25] Nürnberg" durchschnittlich alle 56 Minuten ein Mensch das Leben. Demnach sterben in Deutschland mehr Menschen durch die eigene Hand (etwa 10.000 jährlich) als im Straßenverkehr. Es sterben sogar mehr Menschen durch Suizid als durch illegale Drogen, Aids und Verkehrsunfälle zusammen. Und: Jeder Suizidtote lasse durchschnittlich etwa sechs nahe stehende Menschen zurück, die oftmals kaum wissen, wie sie weiterleben können.

Angst vor Ausgrenzung fördert Suizide

"Viele Suizide können vermieden werden, wenn Menschen in psychischen Notlagen rasche und wirksame Hilfe bekommen", ist sich Huml sicher. Allerdings könne die Angst vor Ausgrenzung verhindern, dass sich Betroffene rechtzeitig Hilfe suchen. Daher sei eminent wichtig: "Betroffene müssen sich von der Gesellschaft akzeptiert und eingeschlossen fühlen, psychische Erkrankungen müssen weiter aus der Tabuzone geholt werden", so die Gesundheitministerin. 

Bitte stör mich

Ab nächster Woche werde die Kampagne "Bitte stör mich – Aktiv gegen Depressionen" fortgeführt, heißt es in einer Pressemeldung des Gesundheitsministeriums. Die Kampagne soll Menschen dafür sensibilisieren und motivieren (ganz besonders während Corona), auf Mitmenschen und die eigene psychische Gesundheit zu achten. Unter anderem soll die Bevölkerung über die Krankheit Depression, als eine der häufigsten psychischen Störungen aufgeklärt werden. Außerdem soll die Kampagne auch Betroffenen und ihren Familien Mut machen, offener mit einer psychischen Erkrankung umzugehen und frühzeitig fachkundige Hilfen in Anspruch zu nehmen.

In diesem Zusammenhang verweist Huml auch darauf, dass besonders ältere Menschen wegen Corona unter der Isolation leiden. "Besonders in der jetzigen Lage ist es daher wichtig, frühzeitig auf Mitmenschen zuzugehen und diese nicht alleine zu lassen", sagt Huml. 

Suizidprävention von Kindern und Jugendlichen 

Zur Suizidprävention von Kindern und Jugendlichen fördert die Staatsregierung das Projekt "[U25] Nürnberg". Jüngere Menschen in Suizidgefahr können sich dabei vertraulich und anonym an die Beratungsstelle per Mail wenden. Die Beratung erfolgt durch gleichaltrige Ehrenamtliche. Hauptamtliche professionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden die Ehrenamtlichen aus und begleiten sie fachlich. 

Vorurteile

Das Projekt "[U25] Nürnberg" räumt auf seiner Homepage mit Vorurteilen über Selbstmord auf. Hier gehts zur Homepage des Projekts. 

1. Wer davon redet, sich umzubringen, tut’s eh nicht!
Kompletter Unsinn! Ca. 80% aller Suizide werden angekündigt – direkt oder versteckt. Das heißt aber nicht, dass jemand, dem alles zuviel wird und der keine Lösung sieht, wirklich tot sein will, aber er steckt in einer Situation, die er ausweglos sieht. Deshalb muss man solche Äußerungen immer ernst nehmen!

2. Keine schlafenden Hunde wecken und nur ja nicht nachfragen, ob sich jemand umbringen will!
Quatsch! Kein Mensch nimmt sich das Leben, bloß weil Du ihn darauf angesprochen hast. Im Gegenteil. Wir erleben immer wieder, dass Menschen erleichtert sind, wenn sie mit jemand über diese Gefühle und Gedanken sprechen können ohne gleich verurteilt zu werden. Sprich aber bitte das Thema Suizid nur dann an, wenn Du wirklich helfen willst!

3. Die Neigung zum Suizid ist vererbbar.
Das stimmt nicht. Es ist zwar richtig, dass es Familien gibt, bei denen über Generationen hinweg immer wieder Suizide vorkommen. Das hat aber aus Sicht vieler Fachleute nichts mit Vererbung zu tun, sondern eher damit, dass es "Vorbilder" gibt.

4. Wer an Suizid denkt, ist nicht normal.
Kein ernst zu nehmender Gedanke! Die meisten von uns haben wohl schon einmal eine Krise gehabt, in der sie dachten, es sei besser nicht mehr zu leben. Gerade im Jugend- und jungen Erwachsenenalter gibt es oft Situationen, Entwicklungen, die unüberschaubar sind, wo Weiterleben sinnlos erscheinen mag. Dann mal an Suizid zu denken ist normal. Aber: Konflikte und Problem (v.a. dann, wenn man sich selbst als "Problem" sieht) können krank machen. Wenn Depressionen entstehen, zu "Problemlösern" wie Alkohol oder Drogen gegriffen wird, steigt das Selbstmordrisiko. Jetzt ist es wichtig, frühestmöglich Hilfe zu suchen.

5. Wer einen Suizidversuch überlebt, der macht das nie mehr wieder.
Leider nicht ganz richtig. Zwar gibt es viele Menschen, die nur in einem bestimmten, für sie schwierigen Lebensabschnitt, einmal diesen verzweifelten Schritt unternommen haben. Es gibt aber auch viele, die immer wieder, wenn sie in Problemen stecken, den Versuch wiederholen.

6. Nur Feiglinge bringen sich um.
Eine Selbsttötung ist keine Frage von Mut oder Feigheit. Es ist nur so, dass sich jemand so verzweifelt, einsam und hoffnungslos fühlt, dass er für sich keinen anderen Weg mehr sieht!

Was tun wenn ein Freund/in Suizid-Gedanken äußert?

Auch für den Fall, dass ein Freund oder eine Freundin einem gegenüber Suizid-Gedanken äußert, gibt das Projekt Tipps. Demnach solle man sich nicht unter Druck setzen lassen, wenn ein Freund oder eine Freundin einem anvertraut, dass er/sie nicht mehr leben will. "Setz Dich mit uns in Verbindung", heißt es auf der Homepage: "Wir können dann zusammen überlegen, wie wir Dir und Deinem Freund, Deiner Freundin helfen können. Hier aber schon ein paar Tipps, die Dir weiterhelfen können":

  • Behalte kein Geheimnis für Dich, das zum Tode führen könnte! Das wäre eine zu große Last für Dich!
  • Sprich mit jemand darüber, dem Du vertraust. Denn auch Du brauchst jetzt jemand!
  • Erwachsene verfügen meist über mehr Lebenserfahrung und kennen sich, wenn es um Hilfen geht, besser aus. Wende Dich an sie.
  • Mach Deinem Freund keine zusätzlichen Vorwürfe. Damit setzt Du ihn nur noch mehr unter Druck.
  • Verkleinere seine Probleme nicht. Dann fühlt er sich nicht ernst genommen.
  • Versuch nicht, ihn umzustimmen. Dann erzählt er vielleicht auch Dir nichts mehr. Reden zu können kann aber lebensrettend sein.
  • Gib ihm das Gefühl, gebraucht zu werden. Viele Menschen, die nicht mehr Leben wollen, meinen, dass sie nichts wert sind.
  • Versprich nur das, was Du wirklich halten kannst. Eine Enttäuschung ist das letzte, was Dein Freund jetzt braucht!
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