Video-Reportage
Lauter die Glocken nie klingen: Streit um nächtliche Glockenschläge in Kaufbeuren

3.45 Uhr in der Kaufbeurer Innenstadt. Es macht 'Dong, Dong, Dong'. Sekunden zuvor war es eher ein 'Ding, Ding, Ding'. Hier, im Bereich der Kaiser-Max-Straße, stehen gleich zwei Kirchen vis-a-vis. Und beide Kirchen, die evangelische Dreifaltigkeitskirche ('Ding') und die katholische St. Martinskirche ('Dong') läuten jede Viertelstunde. Auch nachts. Das war einem Anwohner zu viel, er beschwerte sich bei den Verwaltungen der Kirchen. Seitdem gibt es Knatsch in der Stadt.

So ein Quatsch! Ernst, genannt Enne, Wanner ist richtig sauer. Nur etwa 20 Meter von der St. Martinskirche wohnt er entfernt. Aus seinem Schlafzimmer kann man, wenn man sich tief bückt, den Kirchturm sehen. Das Läuten hat mich noch nie gestört, sagt er. Und: Wer in die Innenstadt zieht, dem muss das doch klar sein.

Ein Auswärtiger soll der Beschwerdeführer sein, sagt der Stadttratsch. Ein "Zug'reister", der erst seit wenigen Monaten in der Wertachstadt lebt. Das macht die Sache für die Kaufbeurer natürlich noch emotionaler: "Hätte er sich halt informieren sollen", sagt Wanner.

Mit seinem Ärger ist "Enne" nicht alleine. Spricht man mit anderen Anwohnern, die ihren Namen hier lieber nicht lesen wollen, hört man Ähnliches. Auch recht deutliche Worte gegen den Beschwerdeführer – die wir hier lieber nicht schreiben.

Moment, Moment, beschwichtigt der katholische Stadtpfarrer Bernhard Waltner. Wir dürfen niemanden verurteilen, der sich beschwert. Das ist sein gutes Recht. Der Pfarrer spricht in der typischen Melodie, die man nur bei Geistlichen hört. Während er über den Kirchplatz schlendert, grüßt er freundlich seine Gemeindemitglieder.

Das Problem ist jetzt, dass sich ein Bürger durch den Stundenschlag gestört fühlt, andere ihn aber vermissen, wenn er abgeschaltet ist, sagt Waltner. Das weiß er spätestens, seitdem er vor ein paar Wochen die Glockenhämmer Nachts abschalten ließ. Dagegen hätten wieder andere Anwohner protestiert.

Im persönlichen Gespräch mit dem Pfarrer, mit Leserbriefen in der Allgäuer Zeitung, auf der Facebook-Seite von all-in.de - viele wünschen sich den nächtlichen Glockenschlag. Man könnte fast meinen, die Kaufbeurer wären im Tänzelfest-Zeitalter stehen geblieben und würden keine eigene Uhr, einen Wecker oder gar ein Smartphone besitzen. Es geht aber um's Prinzip. Und um die Tradition. Da können die Allgäuer bekanntlich ein wenig stur sein.

Recht haben und Recht bekommen

Stadtpfarrer Waltner will vor allem eins: "Keinen Streit in der Stadt." Er steht mit dem Beschwerdeführer in Kontakt, wie er sagt, und vermittelt jetzt an verschiedenen Stellen. Hier beruhigen, dort nach Lösungen suchen. Denn vor Gericht hätte der lärmgeplagte Kirchen-Nachbar nicht die schlechtesten Chancen. Schon mehrere Richter haben zugunsten schlecht schlafender Anwohner entschieden. Gerade, wenn es um den Stundenschlag in der Nacht und nicht um das liturgische Läuten zu Gottesdiensten oder kirchlichen Festen ging.

Alles bleibt anders

Welche Alternativen bleiben dem Stadtpfarrer jetzt? Ganz auf das Stundenschlagen verzichten möchte er auf keinen Fall, dem Stadtfrieden zuliebe. Nur zur vollen Stunde schlagen? "Hmmmmm", raunt er. Scheint auch nicht ganz das Wahre zu sein. Die Glocken wie eine Stereoanlage leiser zu stellen, ist mit der Technik in der St. Martinskirche unmöglich. Da geht nur: "An" oder "Aus". Ein Upgrade auf moderne, magnetische Glockenhämmer, die die Lautstärke regeln können, würde viele tausend Euro kosten.

Bleibt nur noch die Möglichkeit, den Hämmern einen Hut aufzusetzen - das Schlagen also zu dämpfen. "Es gibt Leder-Überzüge für Glockenhämmer", sagt Waltner. Das würde allerdings den Glockenklang auch tagsüber ändern. "Das ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, die wir noch ausprobieren wollen." Und auch weiterhin will er nach Alternativen suchen. Die evangelische Dreifaltigkeitskirche drückt sich zum Thema diplomatisch aus. "Wir haben die Beschwerde zur Kenntnis genommen", sagte der ehemalige Pfarrer Kretschmar vor zwei Wochen. Diese Aussage bestätigte die Vakanz-Vertretung, Pfarrerin Britta Gamradt, jetzt telefonisch. Heißt: Abwarten und Messwein trinken.

Zur Zeit jedenfalls "dingen" und "dongen" die Kaufbeurer Glocken wieder von beiden Kirchen zu jeder Viertelstunde. Was im Vergleich zu Marktschreiern, grölenden Menschenmassen und Tänzelfest-Einlagen zumindest am vergangenen Wochenende erholsam leise gewesen sein dürfte.

Autor:

Stephan Michalik aus Kempten

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