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Zum Impfstart im Allgäu
Das hat es mit dem Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer auf sich

Am 27. Dezember sollen die ersten Menschen in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft werden. (Symbolbild)
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  • Am 27. Dezember sollen die ersten Menschen in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft werden. (Symbolbild)
  • Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Peter Endig
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Am kommenden Sonntag, 27. Dezember, soll im Allgäu mit den Corona-Impfungen begonnen werden. Die Skepsis innerhalb der Bevölkerung ist groß. Verständlich, dauert es doch im Normalfall mehrere Jahre, bis ein Impfstoff zugelassen wird. Zudem ist der Corona-Impfstoff von Biontech auch der erste zugelassene RNA-Impfstoff. Was es mit dem Impfstoff auf sich hat und warum der Impfstoff in scheinbar so kurzer Zeit entwickelt werden konnte, erklärten die Ärzte Dr. Max Kaplan, Dr. Jan Henrik Sperling und Dr. Heinz Leuchtgens bei der Vorstellung des Corona-Impfzentrums in Bad Wörishofen.

So funktioniert der Corona-Impfstoff

Um die Funktionsweise der RNA-Impfstoffe verstehen zu können, ist es hilfreich, erst einmal zu erklären, was im Normalfall bei einer Infektion mit dem Coronavirus passiert. Gelangt das Coronavirus in den Körper, docken die Viren mithilfe von sogenannten "Spikes" (zu deutsch: Stachel) an den menschlichen Körperzellen an und dringen daraufhin in die Zelle ein. Dort vermehrt sich das Virus dann. Gelingt es dem Virus jedoch nicht, in die Körperzelle einzudringen, kann sich das Virus auch nicht ausbreiten. Genau hier setzt die RNA-Impfung an. 

Durch die Impfung werden Antikörper produziert, die die "Spikes" des Coronavirus erkennen und abtöten, erklärt Dr. Leuchtgens. Ohne die "Spikes" kann das Coronavirus keine Zellen befallen und sich somit auch nicht vermehren.

So wurde der Impfstoff entwickelt

Die Coronaviren bestehen aus einer Eiweißhülle. In der Mitte des Virus sitzt die RNA, also die Erbinformation des Virus. Anders als bei der menschlichen DNA, besteht die RNA nur aus einem Strang und kann sich nicht ohne Hilfe vermehren. Auf der RNA des Coronavirus ist auch abgespeichert, wie die "Spikes" aufgebaut sind, die laut Dr. Leuchtgens aus "sehr komplizierten" Eiweißstrukturen bestehen. Bei der Corona-Impfung wird dem Körper Boten-RNA zugeführt, die dem Körper die Informationen über den Aufbau der "Spikes" liefern. Der Körper bildet daraufhin Antikörper gegen die "Spikes" aus und erkennt diese bei einer Infektion mit Corona wieder.

Dem Körper werde bei der RNA-Impfung ein synthetisch hergestellter Bauplan über den Aufbau der "Spikes" geliefert, erklärt Dr. Kaplan. Es werden bei der Impfung also keine Coronaviren geimpft. "Es findet bei der Impfung keine Infektion statt", so Dr. Kaplan. Laut Dr. Leuchtgens schützt die Corona-Impfung auch vor den bislang bekannten Mutationen des Coroanvirus'. Der Grund: Die "Spikes" hätten sich bei den bisher bekannten Corona-Mutationen nicht verändert.

Dr. Heinz Leuchtgens ist ärztlicher Leiter des Bad Wörishofer Impfzentrums.
  • Dr. Heinz Leuchtgens ist ärztlicher Leiter des Bad Wörishofer Impfzentrums.
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Impfung soll 1,5 Jahre lang anhalten

Nach der Erstimpfung wird man 21 Tage danach noch einmal gegen Corona geimpft. Danach sei man laut Dr. Leuchtgens ein bis eineinhalb Jahre immun. Bei 95 Prozent der geimpften Personen würde die Impfung Wirkung zeigen. "Dieser Prozentsatz ist sehr hoch", so Dr. Leuchtgens. Bei anderen Impfstoffen sei man schon bei einem Wirkungsgrad von 70 Prozent zufrieden. 

RNA ist keine Gefahr für das menschliche Erbgut

Laut dem Paul-Ehrlich-Institut besteht keine Gefahr, dass die mRNA in den Zellkern eindringt und die DNA der Menschen verändert. Wegen der chemischen Strukturen von RNA und DNA sei eine Vermischung der beiden Stränge nicht möglich.

Mögliche Nebenwirkungen 

Bei der Impfung gegen Corona können Nebenwirkungen auftreten. Dabei handle es sich unter anderem um Rötungen und Schwellungen um die Einstichstelle, so Dr. Kaplan. Auch Schmerzen an der Injektionsstelle können auftreten. Als weitere mögliche Nebenwirkungen nennt Dr. Kaplan Müdigkeit, Kopfschmerzen, Frösteln, Fieber und Durchfall. Falls es zu Nebenwirkungen kommt, treten diese innerhalb der ersten ein bis zwei Tage nach der Impfung auf und lassen sich im Normalfall mit einer Grippetablette aus der Apotheke behandeln, so Dr. Kaplan. Er empfiehlt die nächsten zwei Tage nach der Impfung ruhig anzugehen. Diese Empfehlung gelte allerdings auch für alle anderen Impfungen, sagt Dr. Kaplan.

Demnach komme es beim Corona-Impfstoff nicht häufiger zu Nebenwirkungen als bei anderen Impfstoffen. Für den Doktor sind die Nebenwirkungen ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem auf den Impfstoff reagiert und die Impfung somit funktioniert.

Noch keine Erkenntnisse gibt es, was mögliche Langzeitfolgen betrifft. Grund dafür ist die kurze Zeit in der der Impfstoff entwickelt wurde. Hier verweist Dr. Sperling darauf, dass schon seit vielen Jahren an RNA-Impfstoffen geforscht wird. Dabei habe es bislang keine Anzeichen für Langzeitfolgen gegeben.  

Dr. Max Kaplan ist als Koordinierungsarzt für die medizinische Organisation des Bad Wörishofer Impfzentrums zuständig.
  • Dr. Max Kaplan ist als Koordinierungsarzt für die medizinische Organisation des Bad Wörishofer Impfzentrums zuständig.
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Allergische Reaktionen: Warnung aus Großbritannien 

"Besonders sorgsam" werde man mit Allergikern umgehen, meint Dr. Kaplan. So hatte die britische medizinische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde "Medicines and Healthcare products Regulatory Agency" (MHRA) kurz nach Beginn der Corona-Impfungen in Großbritannien von zwei Fällen von Anaphylaxie (stärkste allergische Reaktion) und von einem weiteren möglichen Fall einer anderen allergischen Reaktion nach der Corona-Impfung berichtet. Die Behörde warnt davor, dass sich Personen mit anaphylaktischen Reaktionen auf andere Impfstoffe, Arzneien oder Lebensmittel nicht impfen lassen sollen. 

In den Impfzentren wird jeder Geimpfte für eine halbe Stunde nach der Impfung in einem Raum beobachtet, ob es zu allergischen Reaktionen kommt. Besonders häufig sind allergische Reaktionen wohl nicht. Laut einem Bericht des Bayerischen Rundfunk sei es im Rahmen der Zulassungsstudie des Corona-Impfstoff bei mehr als 20.000 Probanden in nur 0,6 Prozent der Fälle zu allergischen Reaktionen gekommen. 

"Impfstoff nicht vorschnell auf den Markt gekommen"

Was die Zulassung des Impfstoffes angeht, sind sich die drei Ärzte einig. Zwar wurde der Impfstoff "relativ schnell" zugelassen, jedoch sei das nicht auf Kosten der Sicherheit passiert. "Der Impfstoff ist nicht vorschnell auf den Markt gekommen", sagt etwa Dr. Sperling. Demnach sind vor allem zwei Faktoren für die schnelle Zulassung ausschlaggebend: Zum Einen würden die zuständigen Behörden sehr eng zusammenarbeiten. Zum Anderen wäre sehr viel Geld für die Entwicklung in den Corona-Impfstoff investiert worden. Dass die Zulassung eines Impfstoffes im Normalfall mehrere Jahre dauert, liegt laut Dr. Sperling vor allem an fehlenden Geldern und der langen Suche nach Test-Probanden. Zudem werde seit Jahren an Impfstoffen geforscht, die auf mRNA basieren. Somit hätten die Forscher "nicht bei Null angefangen."

An 44.000 Personen sei der Corona-Impfstoff getestet worden, so Dr. Sperling (etwa die Hälfte der Patienten bekam einen Placebo-Impfstoff verabreicht). Das sei eine sehr hohe Anzahl. So gebe es auch Zulassungsstudien für Impfstoffe, bei denen nur 5.000 Personen getestet wurden. "Wir haben in einer kurzen Zeit viel mehr Daten als bei anderen Impfstoffen", sagt Dr. Sperling. 

Dr. Jan Henrik Sperling ist Koordinierungsarzt des Impfzentrums in Memmingen.
  • Dr. Jan Henrik Sperling ist Koordinierungsarzt des Impfzentrums in Memmingen.
  • Foto: Julian Hartmann
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