"Herr Scholz, zerstören Sie diese Mauer"
Ukraine-Präsident Selenskyi spricht per Video im deutschen Bundestag

Der ukrainische Präsident Selenskyi hat im deutschen Bundestag eine Videoansprache gehalten.
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  • Foto: picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka
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Der Präsident der Ukraine Wolodymyr Selenskyj hat sich am Donnerstag an den deutschen Bundestag gewandt. Er war der Bundestagssitzung per Video zugeschaltet und sprach um 9:00 Uhr in einer Sonderveranstaltung vor dem Beginn des Sitzungstages direkt zu den Abgeordneten des Bundestags.

Die Ukraine hat sich für die Demokratie entschieden und das fürchtet Putin

Vor der Rede des ukrainischen Präsidenten sagte Katrin Göring-Eckardt, die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages: "Die Menschen brauchen Hilfe. Schnell und ohne neue Gefahren von Angriffen." An die Menschen in der Ukraine und den Präsidenten selbst gerichtet, erklärte sie: "Wir können Sie sehen. Ihr Land hat sich für die Demokratie entschieden und das fürchtet Putin."

Kritik an Handeln und Reaktion

Dann begann Selenskyi mit seiner Rede. "In drei Wochen sind sehr viele Ukrainer gestorben, Tausende. Die Besatzer haben 108 Kinder getötet, mitten im Europa, im Jahre 2022", sagte er. Manche Schritte, wie manche Sanktionen, seien dem ukrainischen Präsidenten zufolge zu spät unternommen worden. Er appellierte an Deutschland, dass Hilfe kommen müsse. "Wir sind jetzt dessen sicher, was wir früher schon gespürt haben, die Welt aber noch nicht genau gesehen hat", sagte er in Bezug auf die Vergangenheit und wollte wissen, warum das möglich sei. Schon die umstrittene russisch-deutsche Pipeline Nord Stream 2 sei ein Mittel des Krieges gewesen. Die Ukraine habe sich bei solchen Themen an Deutschland und Europa gewandt und keine wirklichen Reaktionen bekommen. 

"Reißen Sie diese Mauer nieder"

Selenskyi versuchte, die Deutschen emotional zu erreichen, und nutzte dafür eine Metapher. Er sprach von einer Mauer, keiner Mauer in Berlin, aber einer neuen Mauer, die in Europa aufgebaut werde. Er führte unter anderem die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland, "dem Land, dass einen grausamen Krieg führt", an und sagte, dass sie Teil der neuen Mauer in Europa seien. Danach beschrieb Selenskyi die schrecklichen Zustände in den ukrainischen Städten, wie in Mariupol. Er sagte, dass die russischen Truppen nicht zwischen militärischen und zivilen Zielen unterscheiden würden. Humanitäre Hilfe würde nicht zugelassen. Alles, wie beispielsweise Krankenhäuser, würde dem Erdboden gleich gemacht. "Sie können das alles sehen, wenn sie über diese Mauer schauen wollen", sagte er direkt an den Bundestag gerichtet. Er zitierte dann mit den Worten "Tear down this wall!" (Reißen sie diese Mauer nieder) einen anderen Schauspieler, der Präsident wurde: Ronald Reagan, US-Präsident von 1981 bis 1989 in Zeiten des "Kalten Krieges" . 

Historische Verantwortung

Selenskyi deutete auch die Verantwortung Deutschlands für die Ukraine mit Blick auf den zweiten Weltkrieg noch einmal an. "Ich wende mich an euch, das darf sich niemals wiederholen", betont Selenskyj in Bezug auf deutsche Gräueltaten in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg und das russische Bombardement der Gedenkstätte Babyn Jar. Jedes Jahr würden die Politiker wiederholen, dass so etwas wie der Zweite Weltkrieg nie wieder geschehen dürfe, und nun sehe man, dass so etwas leere Worte seien. "Wir versuchen, unser Land zu verteidigen ohne ihre tatkräftige Unterstützung", fügte er hinzu. Nach 80 Jahren solle man sich nicht fragen, was denn diese historische Verantwortung sei.

Ukraine will Teil der EU werden

Selenskyi dankte jedem, der die Ukraine unterstütze: "Ich bin sehr dankbar für alle die uns unterstützen. Einfache Leute aus der Bevölkerung aber auch Journalisten, die über die schrecklichen Verhältnisse berichten. Ich bin auch dankbar für Politiker, die versuchen, diese Mauer zu durchbrechen. Für diejenigen, die dafür einstehen, dass die Ukraine ein Teil der EU wird", erklärte der ukrainische Präsident.

Direkter Appell an Bundeskanzler Scholz

Selenskyi richtete sich dann aber auch gezielt an den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz. "Wir brauchen Hilfe für Europa", sagte er. "Zerstören sie diese Mauer! Lieber Herr Bundeskanzler Scholz zerstören sie diese Mauer! Unterstützen sie den Frieden. Helfen Sie uns, helfen sie uns diesen Krieg zu stoppen." Dann schloss er mit den Worten: "Es lebe die Ukraine!" Anschließend beendete der ukrainische Präsident den Videoanruf. Vom Bundestag gab es langen Applaus und Standing Ovations.

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