Dr. Martin Rinio im Interview
Tag des Wanderns: Körper und Gehirn werden "aktiviert"

Die richtige Ausstattung darf beim Wandern nicht fehlen.
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Durch die Natur schlendern, die Aussicht genießen und dabei auch noch Fitness machen: Nicht grundlos gilt Wandern als eine der beliebtesten Ausdauersportarten. Anfänger sollten allerdings den einen oder anderen Tipp beherzigen, bevor es auf den Berg geht. Dr. Martin Rinio, ärztlicher Direktor der Gelenk-Klinik Gundelfingen, verrät im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news, worauf es ankommt.


Kann jeder Mensch in jedem Alter wandern gehen?

Dr. Martin Rinio: Wandern zählt zu den besonders schonenden Ausdauersportarten und kann daher auch noch im fortgeschrittenen Alter ausgeübt werden. Menschen mit Herz- oder Kreislaufproblemen sollten ebenso wie stark Übergewichtige oder Asthmatiker allerdings ein langsames Schritttempo wählen (ansonsten droht letzteren ein Anstrengungsasthma). Außerdem gegebenenfalls Medikamente mitnehmen und stets zuvor den Arzt fragen.

Bei erheblichen Gelenkproblemen oder akuten Entzündungen, aber auch bei Erkältungen oder starken Schmerzen (etwa in Rücken oder Knien) sollte aufs Wandern verzichtet werden. Patienten mit Arthrose sollten steile Wege und Gewaltmärsche meiden.

Selbst bei beginnender Kniearthrose ist Wandern empfehlenswert - maßvolle und nicht zu lange Wegstrecken vorausgesetzt. Ist das Patellofemoralgelenk (hinter der Kniescheibe) betroffen, so ist Bergabgehen besonders schmerzhaft. Daher in diesem Fall besser stets flache Touren mit nur wenigen Höhenmetern und wenigen Abstiegen wählen (beispielsweise Panoramawege etc.).

Warum gilt Wandern als so gesund für Körper und Geist?

Rinio: Wandern macht buchstäblich mobil: Ca. 70 Prozent aller Muskeln im Körper werden beim flotten Spaziergang oder Wandern in Bewegung gesetzt. Doch nicht nur Muskulatur, Knochen und Gelenke profitieren. Auch das Gehirn wird positiv aktiviert: Schon eine kurze Wanderung fördert die Durchblutung bestimmter Gehirnregionen um bis zu einem Drittel, haben Experten errechnet. Das Ergebnis lässt nicht lange auf sich warten: Es kommt zu einer erheblichen Steigerung von Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung. Zudem führt die bessere Durchblutung zu einer höheren Ausschüttung von Endorphinen, was Stimmung und Glücksempfinden zugutekommt.

Doch damit nicht genug: Wer viel geht, der senkt darüber hinaus das Risiko ernsthafter Erkrankungen wie Alzheimer, Herzinfarkt, Diabetes, Depressionen oder eines Schlaganfalls, belegen Studien. Schon nach kurzer Zeit sinken bei regelmäßigen Wanderungen vielfach Körpergewicht, Blutdruck und Körperfett erheblich. Außerdem lässt sich durch das Laufen in der Natur die körperliche Leistungsfähigkeit steigern - und das auch noch im hohen Alter.

Sollte man sich in Sachen Fitness auf das Wandern vorbereiten?

Rinio: Äußerst hilfreich zur Vorbereitung ist ein regelmäßiges Krafttraining. Das schützt die Gelenke bei der Wanderung. Empfehlenswert ist es, dabei auch das Gleichgewicht zu trainieren. Dafür eignet sich beispielsweise ein Balance-Board zuhause.

Wie wichtig ist die richtige Ausstattung beim Wandern?

Rinio: Das Equipment sollte von Kopf bis Fuß perfekt stimmen. Zur geeigneten Wander-Ausstattung gehört in erster Linie knöchel- und rutschfestes Schuhwerk. Die Schuhe sollten robust, atmungsaktiv und nicht zu schwer sein. Bitte darauf achten, dass der Schaft über Knöchelniveau reicht (damit reduziert sich die Gefahr des Umknickens). Die Ferse muss fest sitzen. Eine Sohle mit viel Profil gibt sicheren Halt auf unwegsamen Strecken.

Empfehlenswert ist zudem atmungsaktive Kleidung. Langärmlige Hemden, lange Hosen sowie Kappen mit breitem Schirm schützen vor der intensiven Sonne in der Höhe (Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor nicht vergessen!). Leichte Regenbekleidung auch bei schönem Wetter vorsichtshalber einpacken.

Ein anatomisch geformter Rucksack bietet Platz für den Proviant (idealerweise Vollkornprodukte, Trinkflasche, Gemüse und Obst) sowie die Wanderausrüstung inklusive Regen- und Sonnenschutz. Beim Packen gut überlegen, was wirklich mit muss - und das alles systematisch verstauen. Denn die Gewichtsverteilung entscheidet über den Schwerpunkt des Rucksacks - und dieser sollte möglichst nahe am Körper liegen. Bezahlt machen sich eine gute Rückenpolsterung sowie ein gepolsterter Bauchgurt.

Was sind die häufigsten Fehler beim Wandern?

Rinio: Mancher Anfänger marschiert recht unbedarft einfach drauflos. Dabei ist die perfekte Vorbereitung das A und O erholsamer Touren ohne böse Überraschungen. Dies beginnt bei der minuziösen Planung der Wegstrecke mit Hilfe guter Karten und/oder GPS.

Fehler werden auch oft bei der Ausstattung gemacht. Dass es beispielsweise nicht ohne das richtige Schuhwerk geht, sollte eigentlich jedem klar sein.

Gerade Anfänger überschätzen sich zudem häufig: Lange Wege mit hohen Schwierigkeitsstufen sind nur etwas für geübte Wanderer mit Routine. Und auch beim Tempo Maß halten: Etwas schwitzen ist okay, gerät man jedoch ins Schnaufen, so ist es zu viel des Guten. Gerade als Anfänger sollte man es zum Aufwärmen die ersten 30, 40 Minuten stets langsam angehen.

Dr. Martin Rinio ist ärztlicher Direktor der Gelenk-Klinik Gundelfingen. Ein Behandlungsschwerpunkt des Facharztes für Orthopädie, Chirurgie und Unfallchirurgie sind Hüftgelenk und Endoprothesen.

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