Special Prostitution im Allgäu SPECIAL

"Existenzen stehen auf dem Spiel"
Prostitution in der Corona-Krise: So geht es der Sexarbeits-Branche in Deutschland

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Prostitution: Man nennt sie gerne "das älteste Gewerbe der Welt". Sexarbeit dürfte aber auch eines der totgeschwiegendsten Gewerbe der Welt sein. Meist weit unter dem Radar des öffentlichen Lebens, zurückgedrängt hinter die vorgehaltene Hand. In der Corona-Krise kommen die Probleme vieler Branchen zur Sprache. Aber über Prostitution redet man nicht. Oder zumindest kaum. Vereinzelt gab es zwar Demonstrationen, bei denen Sexarbeiter*innen in Deutschland für ihre Belange in Corona-Zeiten auf die Straße gegangen sind, bereits im Juli 2020 beispielsweise in Berlin, wie der NDR berichtet. Aber ansonsten?

Sexarbeit - die "vergessene" Branche?

Dabei geht es hier um Tausende von Existenzen. Das Statistische Bundesamt zählt laut dem Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e.V. über 40.000 angemeldete Sexarbeiter*innen in Deutschland (Stand: Dezember 2019). Die tatsächlichen Zahlen sind ungewiss. Was sind die Probleme in der Sexarbeits-Branche, wie gehen Prostituierte mit der Corona-Krise um?

Interview mit Stephanie Klee vom Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen

Wir fragen Stephanie Klee (59) aus Berlin. Sie ist Vorstand des Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen e.V. (BSD), ist selbst seit vielen Jahren in verschiedenen Bereichen in der Sexbranche tätig und engagiert sich als Aktivistin mit ihrem Verband für die sozialen und rechtlichen Belange von Bordellen und selbständigen Prostituierten kämpft.

Frau Klee, Wie würden Sie ganz grob die momentane Lage der Branche in der Corona-Krise beschreiben?
Stephanie Klee: Die Sexarbeitsbranche leidet sehr unter den Corona-Schließungen. Tatsächlich handelt es sich um ein Berufsverbot. Prostitutionsstätten dürfen nicht öffnen. Damit stehen für die Bordellbetreiber*innen die über Jahre aufgebauten Existenzen auf dem Spiel. Da die Coronahilfen nicht vollständig ankommen und auch nicht kostendeckend sind, müssen die Betreiber*innen auf Rücklagen zurückgreifen. Zum Teil wurden auch schon Betriebe aufgegeben. Für die Sexarbeiter*innen ist die Lage ebenso dramatisch: als Solo-Selbstständige sind sie ebenfalls von einem Teil der Corona-Hilfen ausgeschlossen und sie wurden auf die Grundsicherung verwiesen. Für die Sexarbeiter*innen, die durch alle Raster fielen, blieb nichts anderes übrig, als trotzdem weiter zu arbeiten – aber dann außerhalb der Bordelle in sehr viel unsichereren Verhältnissen.

Stephanie Klee (59) aus Berlin, Sprecherin des Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen (BSD), bei einer Demo in Stuttgart.
  • Stephanie Klee (59) aus Berlin, Sprecherin des Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen (BSD), bei einer Demo in Stuttgart.
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Offizielle Bordell-Betriebe und freiberufliche/selbständige Prostituierte haben ja prinzipiell genauso Anspruch auf staatliche Unterstützung wie andere auch. Haben Sie den Eindruck, dass die Hilfe angekommen ist und dass die Branche fair und auf Augenhöhe behandelt wurde, so wie andere Branchen auch?
Stephanie Klee:Von Seiten der Corona-Hilfe gibt es keine Benachteiligung. Doch was für andere Branchen gilt, dass sie nicht ausreichend ist und zu spät ankommt, gilt auch für uns. Für Sexarbeiter*innen, die im Ausland ihren Hauptwohnsitz haben, aber hier Steuern gezahlt haben, entfällt die Hilfe. Und für die Sexarbeiter*innen, die sich auf das sogenannte "Düsseldorfer Verfahren" eingelassen haben und über die Bordellbetreiber*innen eine sogenannte Pauschalsteuer gezahlt haben, fehlt jede Möglichkeit, Corona-Hilfen zu beantragen, da sie keine Steuernummer und kein Elster-Zertifikat haben. Das ist ein strukturelles Problem, das die Finanzämter zu verantworten haben.

Sex-Dienstleistung ist auch mit Maske möglich

Wie stehen Sie zu den Corona-Maßnahmen an sich? Finden Sie sie gerechtfertigt?
Stephanie Klee:Grundsätzlich befürworten wir die Schließung der Prostitutionsstätten und das Verbot der Prostitution als eine Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie. Auch wir wollen nicht erkranken und unseren Beitrag für die Gesundheit Aller beitragen. Nicht nachvollziehen können wir dann allerdings gewisse Lockerungen, z. B. der Frisöre und der Masseure. Diese körpernahen Dienstleistungen sind den sexuellen Dienstleistungen vergleichbar. Es kommt immer nur zu einem 1:1-Kontakt = 1 Sexarbeiterin mit 1 Kunden. Auch die Bordelle müssten wieder geöffnet werden - mit den bewährten Corona-Hygienemaßnahmen: Terminvereinbarung, Desinfektion, Maske, Datenerfassung, 1,5 Meter Abstand, Dienstleistung mit Maske, reinigen, desinfizieren, lüften.

Wie genau hätte ein Hygienekonzepte aussehen können, das dafür hätte sorgen können, dass Prostitution weiter stattfinden kann? Schließlich geht es ja mit um die intimste Form der Körperlichkeit…
Stephanie Klee:Wie bei anderen körpernahen Dienstleistungen können sexuelle Dienstleistungen in Bordellen und außerhalb mit Hygienekonzepten durchgeführt werden. Selbstverständlich kann auch mit Maske massiert werden. Auch sind die meisten Sex-Stellungen mit Maske durchführbar.

Mehr Beachtung für die Branche: Intimität ist systemrelevant

Die Branche ist in der Corona-Krise für viele Menschen unter dem Wahrnehmungs-Radar. Glauben Sie, dass man ihr mehr Beachtung schenken sollte? Wenn ja: Was macht die besondere Relevanz der Prostitution für die Gesellschaft aus?
Stephanie Klee:Corona hat deutlich gemacht, dass Politik und Gesellschaft kaum Kenntnis hat von den Abläufen in einem Bordell oder bei einem sexuellen Kontakt. Da herrscht in den meisten Köpfen Bilder von Sex & Crime. Diese Unwissenheit führt leider zu Diskriminierungen, indem Prostitutionsstätten schlicht nicht zum Lockerungsszenarium gehören, man die Branche "vergisst" oder aus moralisch-politischen Gründen "nicht beachtet". Zu einer Öffnung kam es daher im letzten Jahr erst nach vielen erkämpften Gerichtsurteilen.
Da spielt natürlich auch das Image der Branche eine Rolle. Mit einem Fußball-Verband oder dem Verband der Hotellerie läßt sich die Sexarbeits-Branche nicht vergleichen. Obwohl doch Sexualität, Nähe und Intimität für (fast) alle Menschen lebensnotwendig und systemrelevant sind. Sexarbeit ist geeignet, die Bürden der Isolation und gewisse Kollateralschäden zu mindern oder aufzufangen. Dafür müssten die Kunden mehr über ihre Erfahrungen berichten. Das tun sie aber nicht wegen des Stigmas und der Angst vor Repressalien.

Wo steht die Branche jetzt, wie geht es den Sexarbeiter*innen vor Ort?
Stephanie Klee:Überall herrscht finanzielle Not. Deshalb müssen manche Sexarbeiter*innen – trotz Verbot – weiterarbeiten aber außerhalb der Bordelle, also auf der Straße, im Privaten, in Hotels, etc. Da sind sie jedoch möglicherweise mehreren Gefahren ausgesetzt: der körperlichen Gewalt durch Kunden, der Verfolgung durch die Polizei oder der Ordnungsbehörden, sie können nicht auf ein Sicherheitssystem zurückgreifen und lassen sich auch leichter in ihrem Angebot und der Preisgestaltung unter Drucks setzen. Allein aus sozialen Gründen und aus Gründen der Gefahrenabwehr müssen die Bordelle sofort geöffnet werden.

Prostitution droht, in die Illegalität zu entgleiten

Das heißt: Dass diese Dienstleistung momentan aufgrund der Corona-Regeln verboten ist, heißt nicht, dass sie nicht stattfindet, sondern dass sie vermutlich illegal betrieben wird. Bedeutet die Corona-Krise jetzt einen Aufschwung für illegale und unseriöse Anbieter, Menschenhändler und dergleichen?
Stephanie Klee:Zunächst mal ist das ein Ausdruck von fehlender Hilfe in einer elementaren Notlage, wo der Staat völlig versagt. Ob sich hinter dem jeweiligen Angebot von Prostitution eine neue Struktur verbirgt, ist jetzt noch nicht erkennbar. Die Polizei sagt jedoch aus diesem Grund, dass die Bordelle geöffnet werden sollen, damit sich keine neue Strukturen, zu denen sie keinen Zugang haben, etablieren.

Illegale Prostitution im Allgäu auf dem Vormarsch

Wie ist die Einschätzung, wie viele Betriebe und Freiberufler*innen in der Sexbranche pleite gehen?
Stephanie Klee:Zahlen gibt es dazu noch nicht. Die ersten Bordelle haben bei dem ersten Lockdown sofort geschlossen, die anderen haben die Krise – trotz der Hilfen – nicht überstanden und mussten Konkurs anmelden. Umso länger der Lockdown andauert, umso brenzliger wird die Situation. Einige Sexarbeiter*innen sind in andere Berufe ausgewichen, in die Pflege oder in den Einzelhandel. Sie alle warten auf die Öffnung der Bordelle, denn hier arbeiten sie lieber.

Wirft das die Branche jetzt gesellschaftlich und politisch wieder zurück? Sprich: Sehen Sie den Status, den die Branche ja auch aufgrund Ihrer Leistung und der Ihres Verbandes erreicht hat, in Gefahr?
Stephanie Klee:Corona macht – wie in anderen Branchen – deutlich, wo Probleme liegen und Missstände werden deutlich. Darüber muss man froh sein. Aber wir als BSD beschäftigen uns momentan fast ausschließlich mit der Kommunikation mit der Politik für die Öffnung der Bordelle. Andere Aufgaben müssen da zurücktreten.

"Forderungen nach Prostitutions-Verboten sind menschenverachtend"

Es gibt ja diverse Parteien und Gruppierungen, die sich explizit gegen Prostitution aussprechen, sogar teilweise ein Verbot fordern. Bekommen diese damit jetzt eine Art Aufschwung?
Stephanie Klee:Wir betrachten die Forderungen der Sexkaufgegner*innen gerade jetzt als infam und menschenverachtend. Eigentlich sollten sie besonders jetzt Hilfeangebot für Sexarbeiter*innen machen! Aber sie nutzen die Notlage anderer, um ihre moralisch-politischen Ziele durchzusetzen. In keiner anderen Branche lässt sich solch ein politisches Agieren feststellen. Wer zum Beispiel gegen die Haltung von Nutztieren und die Fleischindustrie antritt, fordert doch nicht deren sofortige Abschaffung in der Pandemie, sondern setzt auf einzelne Probleme und bietet dafür Lösungen an.

Prostitution ist ja eine Branche, die sehr von der Mobilität lebt. Das heißt: Viele Prostituierte wechseln häufig den Standort/das Bordell. Ist das in der Corona-Krise eher hilfreich, wenn man nicht an einen Standort gebunden ist?
Stephanie Klee:In der Corona-Krise bleiben die meisten Sexarbeiter*innen zuhause, besonders in ihren Heimatländern, weil quasi die Grenzen zu sind und alle Corona-Regelungen – auch für die Prostitution – in Europa und in den deutschen Bundesländern sehr verschieden sind und sich ständig verändern.

Was erwarten Sie von der Politik für die nächste Zukunft?
Stephanie Klee:Wir erwarten Lockerungsperspektiven und eine baldige Öffnung der Bordelle wie die anderen körpernahen Dienstleistungen und keine Diskriminierung oder Schlechterstellung.

Prostitution (Symbolbild)
Stephanie Klee (59) aus Berlin, Sprecherin des Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen (BSD), bei einer Demo in Stuttgart.

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