Pixars "Soul": Eine Liebeserklärung an das Leben

Joe Gardner (li.) wird durch eine Verwechslung zum "Mentor" der widerspenstigen Seele 22
  • Joe Gardner (li.) wird durch eine Verwechslung zum "Mentor" der widerspenstigen Seele 22
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Die Pixar Animation Studios haben sich zuletzt meisterlich darin gezeigt, komplexe, schwer greifbare Themen kindgerecht aufzuarbeiten. "Coco" entstigmatisierte kunterbunt und rührend den Tod, "Alles steht Kopf" erklärte raffiniert die Funktion und Dringlichkeit von Emotionen - auch solch einer vermeintlich negativen wie Trauer. Das neueste Werk namens "Soul", das aufgrund der Corona-Pandemie nicht ins Kino kommt und stattdessen ab dem 25. Dezember via Streamingdienst Disney+ zu sehen ist, knöpft sich nun nicht minder komplexe Fragen vor. Wo kommen wir her und wie entsteht unsere einzigartige Persönlichkeit? Und: Ist unser Werdegang durch sie vorherbestimmt?

Zu Höherem geboren? Darum geht es

Joe Gardner (im Original gesprochen von Jamie Foxx, 53) ist sich felsenfest sicher: Sein Lebenssinn ist die Musik, genauer gesagt der Jazz. Seit er von seinem verstorbenen Vater in die Welt des Jazz’ eingeführt wurde, träumt er von einer Karriere auf der Bühne. Einzig, das Schicksal scheint von seiner Bestimmung noch nicht Wind bekommen zu haben und so fristet Joe ein Leben als liebenswerter, jedoch zunehmend unmotivierter Musiklehrer. Werden ihn die schiefen Töne seiner mäßig begabten Schüler bis zum Tod verfolgen?

Es scheint so. Denn als ihm unverhofft ein Gig als Jazzpianist winkt, folgt sodann der Rückschlag, und was für einer. Joe stürzt in einen offenen Straßengulli und augenscheinlich aus dem Leben. Doch während er sich urplötzlich als putzige Astralform mit Hut und Brille auf der Rolltreppe Richtung Jenseits wiederfindet, entdeckt Joe seinen für lange Zeit verlorenen geglaubten Lebenswillen. Über Umwege und entgegen der Regeln der erstaunlich bürokratischen Nachwelt landet er im "Davorseits", jenem Ort, an dem junge Seelen vor der Menschwerdung ihre individuelle Persönlichkeit erhalten.

Weil Joe dort allerdings für einen sogenannten "Mentor" gehalten wird, der den zukünftigen Erdenbewohnern dabei helfen soll, ihre jeweilige Bestimmung zu finden, sieht er sich schon bald mit einer schier unmöglichen Aufgabe konfrontiert. Er soll der störrischen Seele 22 (Tina Fey, 50), die es sich nun schon seit Äonen im "Davorseits" gemütlich gemacht hat, das Leben schmackhaft machen - eine Herausforderung, an der vor ihm schon Mutter Theresa, Nikolaus Kopernikus und mehr kläglich gescheitert sind.

Reale und buchstäbliche Existenzängste

Bislang standen Filme von Pixar vornehmlich für Kinderunterhaltung, die auch für Erwachsene funktioniert. Jugendliche Hauptfiguren wie in "Coco" oder "Alles steht Kopf" weichen in "Soul" jedoch einem Mann um die 40, den, nicht zuletzt von den Sorgen seiner Mutter angestiftet, Existenzängste plagen. Statt seinen Traum zu verfolgen und zu riskieren, brotlose Kunst zu betreiben, ließ er sich ihr zuliebe auf einen sicheren Job als Musiklehrer ein.

Gar eine wortwörtliche Existenzangst treibt 22 um - die Angst, zu existieren. "Ich bin jetzt seit wer weiß wie lange hier und ich habe noch nichts gesehen, wofür ich gerne leben würde." Was also, wenn man seine gesamte Existenz lang nichts findet, das sich wie "Bestimmung" anfühlt? Ein Stück weit trifft in "Soul" Midlife-Crisis auf philosophische "Prelife-Crisis" - beides nicht unbedingt Thematiken, mit denen sich Kinder von null bis zwölf Jahren beschäftigen dürften.

Das muss auch den Machern von "Soul" klar gewesen sein, die in der Mitte des Films die Kids mit einigen Slapstick-Sequenzen abholen - einer menschlichen Seele, aus Versehen in den Körper einer Katze verfrachtet, sei Dank. Bevor der falsche Eindruck entsteht: Der Streifen ist alles andere als eine bierernste, existenzialistische Suche nach dem Sinn des Lebens. Dennoch wirkt "Soul" erstmals nicht mehr unbedingt wie ein Kinderfilm für Erwachsene, sondern wie ein Erwachsenenfilm für Kinder. Und Jazz als antreibendes Motiv der Handlung unterstreicht dieses Gefühl noch. "Soul" wartet aber natürlich dennoch mit einer Aussage auf, die sich sowohl Groß als auch Klein hinter die Ohren schreiben sollten.

Ein zweiter Blick lohnt sich

Das Potenzial für erzählerische Fettnäpfchen war groß. Bestand durch die Handlung doch auch die Gefahr für Gedanken wie: Soll das heißen, dass es zum Beispiel die Bestimmung mancher Menschen ist, Müllmann zu werden? Ein schwieriger Spagat, den "Soul" in einer unscheinbaren, zugleich seiner vielleicht besten Szene meistert, die sich in einem Friseursalon zuträgt. Natürlich, so der Friseur, wuchs er nicht mit dem Wunsch auf, Menschen Tag für Tag die Haare zu schneiden. Er wäre gerne Tierarzt geworden, doch gewisse Umstände hielten ihn davon ab.

Unglücklich ist er deswegen aber nicht, im Gegenteil. Denn seine Arbeit besteht aus weit mehr als "nur" handwerklichem Geschick. Oft genug diene er auch als eine Art Seelsorger. "Darum liebe ich diesen Job. Ich kann interessante Menschen wie dich treffen, sie glücklich... und hübsch machen." Manchmal, so die Aussage des Films, müsse man nun mal improvisieren, sich durchs Leben "jazzen". Seine vermeintliche Bestimmung zu verfehlen, muss einen nicht zwangsläufig unglücklich machen - und sie zu erreichen nicht zwangsläufig glücklich.

Fazit:

Wieder einmal verpackt Pixar existenzialistische Fragen, Gedanken und Sorgen in eine quietschbunte, charmante Animationswelt. Genug erzählerische Bandbreite ist gegeben, um das Prädikat "Familienunterhaltung" zu verleihen. Stärker als jemals zuvor werden jedoch Erwachsene, vor allem Eltern, von "Soul" angesprochen. Und als solche sehen sie sich durch den Film ja vielleicht mehr denn je dazu motiviert, als reale "Mentoren" zu fungieren und den Kids einerseits Interessen, Weltanschauungen und Überzeugungen mit auf dem Weg zu geben, um sie andererseits zur rechten Zeit auch einfach mal "jazzen" zu lassen.

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