Woher kommt die Querdenker-Bewegung?
Neue Studie "Quellen des Querdenkertums" erforscht Corona-Proteste

Sogenannte Querdenker ziehen in einem Protestmarsch mit Schildern durch die Straßen. (Symbolbild)
  • Sogenannte Querdenker ziehen in einem Protestmarsch mit Schildern durch die Straßen. (Symbolbild)
  • Foto: picture alliance/dpa | Jonas Güttler
  • hochgeladen von Josef Brutscher

Woher kommt die Querdenker-Bewegung und was treibt die Proteste der Querdenker voran? Eine neu veröffentlichte Studie der Universität Basel und der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg hat sich mit diesen Fragen und dem Protestverlauf der Querdenken-Bewegung befasst. Prof. Dr. Oliver Nachtwey und  Dr. Nadine Frei haben zusammen mit anderen Mitarbeitern Interviews mit Corona-Kritikern durchgeführt, Umfragen analysiert und Experten befragt. Die Ergebnisse sammelten sie in ihrer Studie "Quellen des Querdenkertums. Eine politische Soziologie der Corona-Proteste in Baden-Württemberg".

Die Ursprünge von Querdenken

"Basierend auf empirischen Voruntersuchungen, welche vom aktuellen Stand der Forschung untermauert werden, haben wir vier mögliche Ursprungsmilieus untersucht: Das Alternativmilieu, das anthroposophische Milieu, das christlich-evangelikale Milieu und das bürgerliche Protestmilieu", heißt es in der Studie. Während das christlich-evangelikale Milieu und das bürgerliche Protestmilieu einen nur sehr geringen Zusammenhang mit der Bewegung aufwiesen, sind "vor allem die ersten beiden Milieus zentrale, wenngleich nicht die ausschließlichen, Quellen von Querdenken in Baden-Württemberg". Dabei sind größtenteils die Themenbereiche Gesundheit, Körper und Impfungen wichtig. Sie haben laut der Studie zu einer Mobilisierung der Protestteilnehmer aus den beiden ersten Milieus geführt. In der Studie steht, dass die Annahme, dass es sich bei Covid-19 um kein gefährliches Virus handelt, ein zentrales Element der befragten Corona-Kritiker bildet. Darauf aufbauend sei die Kritik der Befragten an den Corona-Maßnahmen nötig. Das bedeutet, wie es in der Studie heißt: "Die Infragestellung der Zweck-Mittel-Relation hinsichtlich der Pandemiebekämpfung ergibt sich notwendigerweise aus der Trivialisierung der Gefährlichkeit des Virus". Die "unverhältnismäßig erscheinenden Maßnahmen" würden die Befragten dann als Indiz dafür nehmen, dass etwas in der Pandemie "grundsätzlich" nicht stimmen könne.

Das Selbstbild der Corona-Kritiker

Laut der Studie stellen die Befragten sich als "kritische Kritiker:innen" dar. Sie würden besonders drastische Vergleiche anführen, um ihren "widerständigen Mut zu beweisen und ihre politische Praxis zu heroisieren". Weiterhin heißt es: "Die Corona-Kritiker:innen sehen sich selbst als nüchterne Expert:innen und mutige Widerstandskämpfer:innen zugleich".  Zudem würden sich die Corona-Kritiker als "Eingeweihte, geradezu als Erwählte inszenieren", die um jeden Preis an ihrer Meinung festhielten: "Als Eingeweihte verfügen sie über die Wahrheit, als Widerstandskämpfer:innen halten sie öffentlich daran fest", steht in der Studie. Als zentrale Motive der in Interviews befragten Kritiker nennt die Studie "Eigenes Recherchieren, kritisches Hinterfragen und Aufspüren von Quellen". Dieses angesammelte Wissen wird dann oft mit der eigenen Erfahrung legitimiert.

Kritik am Großen und Ganzen

Laut der Studie nimmt die Kritik der Corona-Kritiker keine wirklichen einzelnen Pandemie-Maßnahmen ins Visier, sondern es geht eher um die Kritik an sich: "Bei der Kritik an den Corona-Maßnahmen handelt es sich um eine Kritik, die nicht primär auf eine bestimmte Sache zielt, sondern bei der der Anspruch im Vordergrund steht, als Kritik verstanden zu werden". Befragungen in Telegramm-Gruppen dokumentieren zudem, dass eher den Kerninstitutionen der liberalen Demokratie misstraut wird. "Der parlamentarischen Politik und den Parteien, der Wissenschaft und den Medien – allen öffentlichen Institutionen schlägt großes Misstrauen entgegen", heißt es in der Studie. 

Unterschiede zwischen Baden-Württemberg und Sachsen

Bei Auswertungen von unter anderem Mitgliederzahlen in Telegramm-Gruppen hat sich in der Studie außerdem ergeben, dass Baden-Württemberg und Sachsen Hotspots der Corona-Protestbewegung sind. Allerdings gibt es laut der Studie fundamentale Unterschiede zwischen den beiden Regionen: "Unsere Studie bestärkt die Annahme, dass die Querdenken-Proteste in Baden-Württemberg grundlegende Unterschiede zu den Corona-Protesten in Ostdeutschland aufweisen". Während der Anteil der AfD-Wähler in Ostdeutschland deutlich höher ist als in Baden-Württemberg, ist der Anteil der ursprünglichen Grünen- und Linke-Wählern in Baden-Württemberg doppelt so hoch wie in Ostdeutschland. Die Querdenken-Demos hätten sich also in Ostdeutschland vor allem durch die AfD etabliert, die durch den Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen neue Wähler gewinnen wollte. In Baden-Württemberg hingegen hätte sich die Querdenken-Bewegung durch "esoterische und anthroposophische Züge" entwickelt. Die Studie zeigt also unter anderem: "Somit hat sich aus unterschiedlichen sozio-kulturellen Quellen in Baden-Württemberg und den neuen Bundesländern eine ähnliche Dissidenz gegenüber der Pandemie-Politik herausgebildet".

Die komplette Studie können Sie hier herunter laden.

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