Alleinerziehend
Zwischen Kindern und Beruf

Über 4900 Kinder und Jugendliche leben im Ostallgäu in Einelternfamilien. Zu 90 Prozent sind die Alleinerziehenden Mütter. Viele davon haben unter der Doppelbelastung durch Beruf und Erziehung zu leiden. Dazu ein Beispiel: Um 4.50 Uhr beginnt Annis Tag. Obwohl die 39-jährige Ostallgäuerin zwei Kinder alleine großzieht, arbeitet sie als Krankenschwester 30 Stunden pro Woche - meist im Frühdienst. Bevor sie um 5.45 Uhr das Haus zur Arbeit verlässt, richtet sie noch das Frühstück für ihre Lieben, bereitet deren Pausenbrot vor. Danach muss erstmal die Babysitterin ran. «Oh ich Rabenmutter», hat sich Anni (Name geändert) deshalb anfangs gedacht, als sie in die Arbeit ging. Dabei steht sie ab 13 Uhr wieder im Dienst ihrer neunjährigen Zwillinge: kocht das am Vortag vorbereitete Mittagessen und hilft bei den Hausaufgaben.

Dabei geduldig zu bleiben, ist nicht leicht, gibt sie zu, «wenn ich in Deutsch zum 100. Mal erklären muss, wie man nach den vier Fällen fragt». Frühestens ab 16 Uhr kann sie etwas Hausarbeit erledigen - bis zum Abendessen um 18 Uhr. Erst wenn die Kinder gegen 20 Uhr im Bett sind, hat sie etwas Zeit für sich. Doch ihre Energie ist aufgebraucht: Um 22 Uhr sinkt sie nach ein wenig TV-Berieselung müde ins Bett.

Keine Zeit für Freunde

Das ist Annis Alltag - solange in der Klinik keine Wochenend- oder Spätdienste anstehen oder sie kurzfristig einspringen soll. «Ich habe keinen für die Kinder», muss sie in diesem Fall oft sagen - verbunden mit dem mulmigen Gefühl, dass sie den Job deshalb verlieren könnte.

Fast unmöglich ist es für sie, neben ihren beruflichen und familiären Verpflichtungen noch einen Freundeskreis oder die Mitgliedschaft in einem Verein zu pflegen. «Dafür ist das Zeitkorsett oft zu eng», bestätigt Diakon Elmar Schmid, der in Marktoberdorf Gruppen für Alleinerziehende betreut. Was wiederum zu einer Isolation führen könne, unter der die Frauen emotional litten.

Ganz zu schweigen von den Schuldgefühlen der Alleinerziehenden gegenüber ihren Kindern: «Wie kann ich arbeiten, wo ich doch meinem Kind gerecht werden muss», hat sich die alleinerziehende Susanne Thanheiser gefragt, die in Kaufbeuren eine Selbsthilfegruppe betreut. Letztlich blieb Thanheiser deshalb erstmal zu Hause. Solche Schuldgefühle resultierten oft aus der Trennung vom Partner, ergänzt Peter Seider von der Erziehungsberatung in Marktoberdorf.

40 Prozent der bei ihm Rat suchenden Elternteile seien alleinerziehend.

Enger finanzieller Spielraum

Wer hingegen nicht arbeitet, riskiert, als arbeitsscheu angesehen zu werden. Hinzu kommt der ohne Arbeit enge finanzielle Spielraum, mit dem Alleinerziehende als Hartz-IV-Bezieher zurechtkommen müssen sowie die Tatsache, dass einige ehemalige Partner recht säumige Unterhaltszahler sind.

Das belegt eine Allensbach-Umfrage, die Anja Mayr vom Jugendamt Ostallgäu anführt. Demnach haben zwar über 80 Prozent aller Alleinerziehenden bundesweit Unterhaltsansprüche für sich und die gemeinsamen Kinder. «Aber nur die Hälfte bekommt den Unterhalt regelmäßig und in voller Höhe, 26 Prozent nur teilweise, 24 Prozent gar nicht», so Mayr.

Hier kann das Jugendamt helfen, mit Unterhaltsvorschüssen und -beistand. Darüber hinaus gibt es weitere Institutionen, die helfen (siehe Infokasten). Alleinerziehenden Eltern zur Seite zu stehen, sollte laut Gleichstellungsbeauftragter Heike Krautloher (Landratsamt) übrigens selbstverständlich sein: Denn ihrer Meinung nach sind diese ein Teil der gesellschaftlichen Realität. «Das muss ins Bewusstsein rücken.»

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