Tschernobyl
Physiker kaufte nach Tschernobyl eine Kuh, um strahlenfreie Milch zu bekommen

Heinz Steils Ausflug in die Milchviehhaltung ist ziemlich genau 25 Jahre her - genauso lange wie das Reaktorunglück in Tschernobyl, das sich heute jährt. Zufall ist das nicht. Dass neben vier Pferden plötzlich auch eine Kuh in seinem Stall in Knaus stand, hängt nämlich unmittelbar mit der Atomkatastrophe zusammen.

Von der hatte Steil - wie wohl die meisten damals - erst einmal nichts mitbekommen. Der Kreisrat der Grünen erinnert sich noch, wie er nach einem ausgiebigen Regen durchs nasse Gras gestapft ist und nach der Schildkröte eines seiner beiden Kinder gesucht hat. «Erst drei, vier Tage später habe ich erfahren, durch was ich da gelaufen bin», sagt er.

Anfangs «sehr sorglos» gewesen

Obwohl als Diplom-Physiker beruflich vorbelastet, sei auch er anfangs noch «sehr sorglos» gewesen. Das änderte sich, als er von Messergebnissen seiner Kollegen an der Universität Ulm erfuhr.

Sie untersuchten den Straßenstaub auf dem Uni-Parkplatz auf Radioaktivität: Er strahlte stärker als die radioaktiven Präparate für das Physikpraktikum, die zum Schutz vor Strahlung in Bleidosen aufbewahrt wurden.

Immer häufiger diskutierte Steil mit den Mitgliedern des «Vereins für eine vernünftige Verkehrsführung im Raum Erkheim/Türkheim» deshalb nicht nur über die A96, sondern auch über die Radioaktivität und ihre Folgen. Allen war klar, dass die Strahlung früher oder später auch die Milch belasten würde, die sie ihren Kindern geben.

Anfang Mai 1986 rang sich der Verein deshalb dazu durch, sich eine eigene Kuh anzuschaffen. «Wimper» zog in den Stall von Vorsitzendem Heinz Steil ein, der Platz und auch Futter, aber keine Ahnung von Kühen hatte. «Mit 13 war ich Hütebub bei meinem Onkel. Sonst hatte ich keine Erfahrung», sagt er heute lachend. Weil weder er noch sonst jemand aus dem Verein melken konnte, wurde eine Eimermelkanlage angeschafft. «Vor und nach der Arbeit bin ich mit dem Melkgeschirr losgelaufen und habe gemolken», erzählt Steil. Die Milch reichte, um etwa zehn Kunden von Grönenbach bis Tussenhausen zu versorgen.

Weil die Nachfrage aber größer war, ließ sich ein Landwirt in Mindelau überzeugen, eine Kuh separat aufzustallen und nur mit unbelastetem Futter zu füttern. Dieses reichte allerdings nicht ewig. Im Herbst wurde «Wimper» schließlich geschlachtet. «Das war damals schon ein Gespött und Gefrotzel», erinnert sich Steil. Es habe sogar Gerüchte gegeben, dass «die grüne Kuh» verhungert sei.

Weil auch Obst und Gemüse belastet waren, mied Steil frisches Gemüse oder achtete darauf, dass es aus Spanien oder Südafrika kam. Zudem wich er auf Konserven aus. Dass er damit nur die kurzzeitigen Nuklide «aussitzen» konnte, war Steil klar. «Cäsium hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren, da hat man keine Chance.» Angst habe er damals trotzdem nicht gehabt. «Es bleibt einem nur so eine gewisse Art von Fatalismus übrig.»

Er wäre froh, wenn jetzt, nach der Katastrophe in Fukushima, der Atomausstieg käme. «Ich hoffe, dass sich was tut», sagt er. Allerdings wünscht er sich, dass nicht nur die regenerativen Energien ausgebaut würden, sondern die Energieversorgung auch dezentralisiert werde. «Sonst sind wir wieder abhängig von den großen Konzernen. Da muss der Bürger ran.»

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ