Tage mit Sinn
Helfer auf dem Weg zu Jesus

«Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.» (Aus dem «Magnificat», dem Lobgesang Marias) Der Mai. In der katholischen Kirche wird er der Marienmonat genannt. Mit Andachten und Prozessionen verehren die Katholiken die Mutter Jesu und finden dadurch auch zu ihm. In der evangelischen Kirche dagegen gibt es das nicht. Die evangelischen Christen suchen den Zugang zu Gott direkt über Jesus Christus. Darüber, wie das so ist mit dem Draht nach oben, diskutieren in der Reihe «Tage mit Sinn» der evangelische Dekan Jörg Dittmar (rechts in unserem Logo, Kempten) und der katholische Regionaldekan Reinhold Lappat (Buchloe).

Lappat: Maria ist eine ganz katholische Spezialität in den Formen, wie wir sie in den Gottesdiensten sehen und verehren. Aber eines möchte ich gleich klarstellen: Maria wird nicht angebetet bei uns, sondern verehrt.

Dittmar: Die Geschichten, die wir von Maria haben, sind ja auch stark. Ich lese immer wieder mit großer Bewegung, wie sie das Leben ihres Sohnes verfolgt. Wir haben da eine Mutter-Sohn-Story, die bitter ist, bis hin zum Kreuz. Mit derselben Faszination kann ich aber auch Geschichten lesen von einem Petrus, einem Johannes oder einem Josef. Was also macht eure besondere Liebe zu Maria aus?

Lappat: Ich glaube, das ist dieses Mutterbild. Und das Bild einer Frau (lacht), die ihren «Mann» steht. Die Menschen spüren sehr wohl, dass manchmal in unserer Kirche das Frauliche fehlt. Und da kommt eine Frau. Bescheiden, demütig. Aber gleichzeitig eine Protestiererin gegen alles, was Menschen klein macht. Das «Magnificat» ist ein Paradebeispiel eines Protestlieds.

Dittmar: «Er stürzt die Mächtigen vom Thron»

Lappat: «Die Reichen lässt er leer ausgehen» Unglaublich, was sie da singt, sagt, denkt oder fühlt. Ich denke, da ist auch diese Sehnsucht der Menschen. Dass da eine Frau ist, zu der man gehen kann, die einen an der Hand nimmt, die sagt: Vertraue! Ihr geht da einen falschen Weg, habe ich mal von einem evangelischen Kollegen gehört. Ihr Protestanten sagt: Wir brauchen niemanden, wir gehen direkt zu Jesus.

Dittmar: Das würden wir nach wie vor noch so sagen. Jesus Christus ist für uns nicht einer, dem wir uns über Ecken annähern müssen. Er ist das Zentrum unseres Glaubens. Ich schaue in die Bibel und sehe, wie Jesus mit seiner Mutter umgeht. Da habe ich nicht das Gefühl, es gäbe um Jesus einen Hofstaat mit Rangordnungen - und dass seine Mutter ihm am nächsten stünde. Das lehnen wir ab. Wer Jesus Christus vertraut, ist ihm genauso nah wie jeder andere vor und nach ihm.

Lappat: Das seh ich auch so. Aber für mich sind es Hilfen. Wie Krücken. Ich habe nicht immer den direkten Draht zu Gott. Abgesehen davon gibt es immer auch lebendige Menschen, die mir den Weg zeigen können. Von ihnen lerne ich. Heilige sind nicht nur die, die die Kirche heiliggesprochen hat. Ich glaube, es laufen viele Heilige herum.

Dittmar: Genauso denke ich auch. Heilig sind alle, die sich von Jesus Christus in die Liebe Gottes hineinnehmen lassen - egal, ob das heute ist oder vor Jahrhunderten. Wenn ich im Glaubensbekenntnis sage: Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen, dann denk ich da auch an ganz lebendige und konkrete Menschen in meinem Umfeld. Der Katholik betet den gleichen Text, hat aber vor Augen eine Litanei von Namen von Verstorbenen.

Lappat: Das stimmt schon. Wir denken zunächst an die, von denen wir glauben: Die sind gut angekommen bei Gott. Toll, dass die gelebt haben. Aber ich nehme auch die mit, denen ich begegne. Ich denke, die Kirche will sagen, dass es Menschen gibt, die im Leben verwirklicht haben, was Jesus gewollt hat. Sie sind Vorbilder. Und Maria ist doch für beide Kirchen eine Schlüsselfigur.

Das beginnt bei der Erwählung. Sie sagt Ja zu einem Weg, von dem sie nicht weiß, wo er hingeht. Das fasziniert mich. Das ist Vertrauen. Sabine Beck

 

1891 wurde die Grotte am Kalvarienberg in Emmenhausen feierlich eingeweiht. Seitdem begehen die Gläubigen an diesem Ort alljährlich im Marienmonat Mai das Patrozinium. Foto: Stephan Schöttl

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