Reisen
Erwin Nass wandert nach Hamburg und Köln

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Mit einem lapidaren Satz hat alles angefangen. Als Erwin Nass im Dezember 2007 zu seiner Frau sagte, er wolle noch eine Runde wandern gehen, antwortete sie ihm: «Geh doch gleich nach Hamburg.» Jetzt, knapp drei Jahre später, hat der 72-Jährige Tausende von Kilometern in den Beinen. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein dicker Aktenordner, gefüllt mit niedergeschriebenen Eindrücken, selbst erstellten Wanderkarten und Adressen von Unterkünften. Daneben ein Stapel mit CDs, vollgepackt mit Hunderten akribisch beschrifteter Fotos.

«Der Gedanke hat mich damals nicht losgelassen», erzählt Nass. Kurze Wanderungen im Allgäu hatte er zusammen mit seiner Frau schon in den Jahren zuvor unternommen, unter anderem von Buchloe nach Marktoberdorf und von dort weiter nach Füssen. Doch dann suchte er die Herausforderung. Auf die schier grenzenlosen Möglichkeiten des Internets verzichtete er bei seinen Planungen bislang bewusst, setzte auf die konventionelle Art. Auf einer Deutschlandkarte zog Nass mit einem Lineal einen Strich von Füssen nach Hamburg, schrieb anschließend viele Landratsämter und Städte entlang dieser Linie an und bat um Unterlagen über mögliche Wanderwege. Er legte seine Route so, dass er möglichst in Jugendherbergen übernachten konnte. «Es hat sehr lange gedauert, bis ich mit der Streckenplanung fertig war», erzählt Nass.

Das Problem: Zumeist bekam er reine Radwanderkarten, doch der Asphalt, sagt er, sei schlecht für die Füße. 943 Kilometer war der Buchloer auf Schusters Rappen unterwegs, 28 Tage brauchte er von den Königsschlössern bis an die Elbe auf Tagesetappen zwischen 18 Kilometern und der Marathondistanz von knapp 42 Kilometern. «Es war eine oft anstrengende, aber sehr interessante Wanderung», sagt er.

Ein Jahr später nahm sich Nass die größten bayerischen Seen vor. Hintereinander umrundete er den Bodensee, den Untersee bei Radolfszell, den Starnberger See, Ammer-, Chiem- und Forggensee - insgesamt über 460 Kilometer. Weitere 640 Kilometer kamen im vergangenen Jahr dazu. Von Buchloe führte sein Weg über Heidelberg entlang an Main und Rhein nach Köln.

«Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen», heißt es beim deutschen Dichter Matthias Claudius. Und so ist es auch bei Erwin Nass. Unzählige Geschichten und lustige Erlebnisse hat er erfahren. Er erzählt von Begegnungen mit riesigen Hunden, die er mit einem Pfiff in seine Trillerpfeife erstarren ließ, von Radfahrern, die er stoppte, um eine Schnecke unfallfrei über den Weg zu geleiten und von so manch unfreiwilligem Umweg. Weil beispielsweise ein Wegweiser nicht mehr zu erkennen war, musste er in der Lüneburger Heide an einem Tag fast sieben Kilometer mehr zurücklegen.

Noch nie orientierungslos

Die Orientierung hingegen hat Nass auf allen seinen Touren noch nie verloren. «Ich habe immer einen Schrittzähler dabei. In freiem Gelände oder im Wald kann man sehr schlecht abschätzen, wie weit man schon gelaufen ist. Ein Blick auf den Schrittzähler schafft Klarheit», erklärt er. Auch ein Kompass gehöre quasi zur Grundausrüstung. Nass ist eben ein Mann der alten Schule. Das Wichtigste sei allerdings die richtige Zusammenstellung des Marschgepäcks. Er brauche nicht viel im Rucksack mitnehmen, nur das Richtige, habe ihm seine Frau vor der ersten Fernwanderung mit auf den Weg gegeben. Nass hat alles fein säuberlich aufgelistet, Kleidung, Kosmetika und Verpflegung sogar einzeln abgewogen. Am Ende kam sein Gepäck auf knapp sieben Kilogramm. «Man muss überlegen, was man unterwegs wirklich braucht», sagt der 72-Jährige.

T-Shirts, Unterwäsche, Socken, Regenschutz, Seife, Zahnpasta, eine Reiseapotheke, ein Handy, Nadel und Faden und vieles mehr. Und natürlich eine Flasche Wasser. «Wenn die leer ist, kann man sie in jedem Dorf mit Leitungswasser auffüllen», sagt Nass. Das wiederum bringe schon wieder die nächsten Kontakte und garantiert den ein oder anderen Geheimtipp von Einheimischen.

 

Tausende Kilometer hat Erwin Nass schon zu Fuß zurückgelegt. Seine Wanderungen führten ihn unter anderem über Heidelberg (rechts unten), durch das Rheinland (links oben, links Mitte), um den Ammersee (unten Mitte), entlang des Bodensees (rechts oben) oder vorbei an Naturdenkmälern wie einer 1000-jährigen Eiche (links unten). Fotos: Nass

 

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