Burnout
Ein Mann erzählt von Ängsten und Depressionen ndash und wie er den Weg zurück in die Normalität fand

'Gesundheit ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Gesundheit.' Dieses Sprichwort zeigt, wie sehr Wohlbefinden und Unwohlsein, Gesundheit und Krankheit unseren Alltag beflügeln oder belasten. Burnout ist dabei keine seltene Diagnose mehr.

Der Druck im Arbeitsleben ist hoch, die Anforderungen sind vielfältig und die Leistungsbereitschaft übersteigt oft die eigenen Kräfte. Ein weiterer Teil der Serie „Gesundheit und Leben“ beschäftigt sich deshalb mit diesem Thema.

'Ich bin alles andere als ein karrieregeiler Perfektionist. Klar, Leistung ist mir wichtig, und was ich mache, will ich gut machen. Dass ich mal in einen Burnout rutschen könnte, auf die Idee wäre ich nie gekommen. Mit 35 Jahren? Sportlich, erfolgreich im Beruf, gerade mit einem Kollegen zusammen eine eigene Firma gegründet, tüchtige Mitarbeiter, eine liebe Frau, ein kleines Kind. Aber grade das war es: Es war einfach alles zu viel auf einmal.

Am Wochenende hab’ ich mich viel ums Kind gekümmert, wollte das auch nicht alles meiner Frau überlassen. Das Familienleben war auch ziemlich neu, vorher hatte ich ja allein gelebt. Zeit für mich selber? Das war kein Thema. Zum Nachdenken bin ich vor lauter Stress gar nicht gekommen, hab das auch gar nicht für nötig gehalten.

Ich bin bekannt als einer, bei dem es immer gut läuft. Der Körper ist ein Werkzeug, der hat zu funktionieren.

Lange Zeit hab ich gar nicht gemerkt, dass was nicht stimmt. Dass ich allmählich dabei war, den Überblick zu verlieren. Ich habe einfach nicht auf meinen Köper gehört. Klar, ich hatte häufig Kopfweh, war ständig gereizt. Und ich hab’ mich in Gedanken dauernd selbst rechts überholt: Beim Sport hab ich schon wieder an die Arbeit gedacht, beim Kundengespräch an die Familie, daheim wieder an die Firma. Ich hab’ wenig geschlafen, habe meiner Müdigkeit einfach nicht nachgegeben. Mitten in der Nacht bin ich aufgewacht und herumgegeistert. Ja, und irgendwann ging dann gar nix mehr. Wir waren im Urlaub. Aber ich konnte mich nicht entspannen, war nur kribblig und unruhig.

Nach der Rückkehr hatte ich einen Hörsturz. Und ein paar Tage später überfiel mich beim Aufwachen ein Heulkrampf. Einfach so. Das Aufstehen kostete mich eine unglaubliche Anstrengung. Ich wollte eigentlich nur noch im Bett bleiben und die Decke über den Kopf ziehen.

Der Vormittag in der Arbeit ging noch so einigermaßen. Aber nachmittags wurde ich von Angstzuständen und Herzrasen buchstäblich geschüttelt. Arbeiten ging nicht mehr, Sport ging nicht mehr, ich war völlig kaputt. Am Montag hab’ ich einen Psychiater aufgesucht. Der hat gemeint, so etwas kann schon mal vorkommen. Er hat mich krank geschrieben und mir Tabletten gegeben, die nichts halfen. Ich soll eine Therapie machen, sagte er.

Am Samstagabend wurde es dann so schlimm, dass ich Angst vor mir selbst bekommen habe: Panikattacken, Zittern, Selbstmordgedanken, völliger Kontrollverlust. Ich habe meinen Vater gebeten, mich ins Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren zu bringen. Später hat sich rausgestellt, dass ich nichts Besseres hätte tun können.

Die haben mir erst mal eine Tablette gegeben, dann habe ich neun Stunden durchgeschlafen. Das ging die ganze erste Woche so: Schlafen, schlafen, schlafen – bis zu 15 Stunden am Stück. Die Heulerei in der Früh wurde langsam besser. Und irgendwie war es auch eine Erleichterung zu wissen: Jetzt falle ich denen daheim wenigstens nicht mehr zur Last. 'Akutes Überlastungssyndrom' hieß die Diagnose. Anfangs war es unheimlich schwer, den ganzen Tag nichts zu tun.

Ich war zum ersten Mal mit mir selbst konfrontiert, hatte Zeit zum Nachdenken. Ich musste einen 25-seitigen Fragebogen ausfüllen, das half mir dabei.

Vier Wochen war ich in der Klinik. Es war ein Riesenglück, dass ein Therapieplatz frei war. Geholfen haben mir nicht nur die Ärzte, sondern auch die Erfahrung: Es kann jeden treffen. Es gab dort haufenweise andere, denen es oft noch viel schlechter ging – von der alten Frau über die Mutter von drei Kindern bis hin zum Bankmanager.

Wir haben sehr viele Informationen über unsere Krankheit bekommen. Das Bezirkskrankenhaus hat nicht umsonst so einen guten Ruf. Ich hatte Stunden bei einer Verhaltenstherapeutin, die auch nach der Entlassung noch weiter gingen und mich wieder ins Lot gebracht haben. Sehr geholfen hat auch, dass ich meinen Zustand nicht verheimlicht habe.

Jeder in der Firma, in der Familie und im Freundeskreis wusste, was mit mir los ist. Wenn man mit anderen darüber redet, entdeckt man erst, wie viele so was Ähnliches auch schon hatten. Ich habe sehr viel gelernt durch diese Krankheit.

Viele kleine Dinge: die Atmung kontrollieren, achtsamer mit mir selbst sein, ins Bett gehen, wenn ich müde bin, Sport machen nicht wegen der Leistung, sondern weil es Spaß macht. Das Ganze ist jetzt drei Jahre her. Für meine Frau und mich war es eine harte Nummer. Aber letztlich hat es unsere Verbindung stabilisiert. Wir haben inzwischen ein zweites Kind. Und es geht uns gut. Aber eines weiß ich: Wenn mein Körper nicht so heftig reagiert hätte, hätte ich es nie kapiert.'

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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