75 Jahre nach Kriegsende, ein authentischer Rückblick dieser Tage
Buchloes Weg in die Neuzeit

Auch wenn es nicht offen ausgesprochen wurde, das Reich ging in jenen Tagen unaufhaltsam dem Ende entgegen. Die Bevölkerung zermürbt von den nun fast täglichen Luftalarmen musste nun erleben, als der Ort selbst zur Zielscheibe wurde, die Sirenen stumm blieben. Die Vorwarneinrichtung hatte sich wohl schon aufgelöst.

Eine drei Flugzeuge umfassende Rotte, offenbar wegen Problemen auf dem vorzeitigen Rückflug zu einer Basis, nahm an diesem wolkenlosen Nachmittag die sich bietende Gelegenheit wahr, einen noch mitgeführten Bombenrest über dem auf der Heimflugroute liegenden Bahnknotenpunkt loszuwerden.

Die im damaligen Sprachgebrauch benannt als Phosphor-Kanister, in der Wirkungsweise ein Vorläufer der späteren berüchtigten Napalm-Bombe, ging auf einer Wiese an der Salach, bei den Gebäuden Probst und Vogt sowie auf einem Acker beim heutigen Anwesen Bäßler nieder, eine reife Leistung des Bombenschützen, aus 10.000 m Höhe das Ziel nur knapp verfehlt.

Die Zuschauerrolle, die Buchloe bislang besonders bei den Heimsuchungen der großen Nachbarstadt Augsburg innehatte, war damit zu Ende. Die Vorzeichen, dass der Ort unmittelbar in das Geschehen rücken würde, waren schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu übersehen. Die O.T., eine kriegsbegleitende Unterstützungsorganisation, auf dem jetzigen Baywa Baumarkt-Gelände eine Verteidigungsanlage aushob, mit fünf Kanonen und Munition bestückte, ein Flak Zug auf dem westlichsten Gleis in Stellung gebracht wurde, etwa 500 KZ-Häftlinge aus dem Lager Türkheim durch Buchloe  zurückverlegt wurden, begleitet von drei Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett,  sowie der örtliche Volkssturm der bislang Waffenausbildung an Gewehr und Panzerfaust absolvierte, wurde nun beauftragt, eine Panzersperre an der damaligen Engstelle Pfarrkirche zu errichten.

Die Vorzeichen wurden in den Morgenstunden des 25. April zur Wirklichkeit. Als durch das Zurückweichen der deutschen Verteidiger in Form von Einheiten der sogenannten Wlassow Armee gegen die Bahnanlagen nun Buchloe zwischenzeitlich zur Front wurde, bekam der Ort beim ersten Tageslicht durch Tieffliegerbeschuss und Abwerfen von Brandkörpern den Krieg noch hautnah zu spüren.

Die meisten so aus dem Schlaf aufgeschreckten Einwohner brachten sich, nachdem sie sich zurecht gefunden hatten, in den einzigen Unterschlupf den Vorratskellern in Sicherheit. Westlich des Bahnkörpers, durch die starke Rauchentwicklung eines bereits mehrfach getroffenen Gehöfts irritiert, liefen Kinder mit ihren Habseligkeiten ins Freie, konnten aber von Hausbewohnern inmitten der anfliegenden Maschinen in sicheres Gemäuer gebracht werden.

Zur selben Zeit lagen im Schutze der Unterführung Mindelheimer Straße dichtgedrängt Frühpassanten mit Soldaten, die auf dem heutigen V-Markt Areal ihr Heerlager errichtet hatten und nun in den Ablauf mit einbezogen waren. Wer darin nicht mehr Platz fand, musste im wahrsten Sinn des Wortes im fliegenden Wechsel den nahen Bahndamm nutzen. Für die attackierenden Piloten war es nur Routine, sie konnten es sich leisten, manchen Angriff mit einer Kunstflugeinlage - mehrere Rollen - über den westlichen Fluren abzuschließen, ehe sie in die nächste Anflugposition einschwenkten.

Es dauerte an die 20 Minuten, in denen das Inferno in Intervallen über die Dächer zog. Diese Abstände nutzten beherzte Hausbewohner, um in die Dachböden zu eilen und eingedrungene Brandkörper nach außen zu bringen, um so ihr Hab und Gut zu retten.

Als nach der endlos scheinenden Zeit die Morgenstille zurückkehrte und die Einwohner die Unterstände verlassen konnten, bot sich den Anwohnern durch die Rauchschleier ein ungewöhnlicher Anblick. Unzählige in der Erde steckende Brandstäbe, die nun als Fackeln ihren zerstörerischen Inhalt gefahrlos verbrauchten.

Inzwischen war auch die wenige Köpfe umfassende Ortsfeuerwehr zum Brandherd geeilt, um mit einfachsten Mitteln den Schaden zu begrenzen. Sie brachten auch die Kunde vom tödlich getroffenen Bahnbediensteten, der nur einen Schritt breit seinen Schutzraum verfehlt hatte.

Zur gleichen Zeit ging nun der Rückzug der Verteidiger in langen Marschkolonnen weiter, in den Gesichtern der Uniformierten spiegelte sich schon die ungewisse Zukunft, der sie entgegengingen. Beim Zurücksetzen zu ihrem Auffanglager gab es einen kleinen, wenn auch bezeichnenden Zwischenfall. Ein Fahrrad war in den Turbulenzen des Vormittags in einem Hofraum stehengeblieben. Ein Soldat, des Laufens müde, bemächtigte sich dessen. Die Besitzerin bemerkte es im letzten Moment. Ihre lauten Rufe hörte der in der Nähe tätige Feuerwehrkommandant. Ohne Zögern holte er den müden Krieger inmitten seiner marschierenden Kameraden mit einer Schaufel von seiner Marscherleichterung, Untergangsstimmung allenthalben.

Die Absetzbewegungen gingen bis in die Mittagsstunden und zur gleichen Zeit füllten sich die umliegenden Wohnungen mit Armeeangehörigen, die um Wasser und heiße Herdplatten baten. Auf ihnen wurden große Mengen Fladenbrot gebacken, Verpflegung für die nächsten Stunden oder Tage, immer wieder unterbrochen durch sporadische Überflüge Amerikanischer Kampfflugzeuge, ohne dass diese noch einmal die Auslöser ihrer Bordwaffen betätigten, was manchen Brotfladen nicht gelingen ließ.

Am Nachmittag ging es dann in die bereitgestellten Bahnwaggons. Die Pferde der Offiziere und die Nobelkarossen der Generalität blieben in Buchloe zurück. Für diese Statussymbole war in den Zügen zu ihrer wohl letzten Auffangstellung unter deutschem Kommando kein Platz mehr. Mit diesen verließ auch das schienengestützte Flugabwehrsystem ohne einen Schuss abgefeuert zu haben den Bahnhof. Als Nachhut verblieb nur noch eine kleine motorisierte Einheit. Ein ereignisreicher und auch geschichtsträchtiger Tag für Buchloe ging zu Ende.

Fortsetzung folgt.

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