73 Jahre nach Kriegsende
Buchloes Weg in die Neuzeit Teil 3

27. April: Buchloe vor dem " Umsturz "in eine neue Gesellschaftsordnung. 

Wie schon am Vortag waren die weißen Zeichen wieder an den gut sichtbaren Stellen angebracht, die Einwohner suchten die Unterredung und so entstanden immer mehr Gesprächsrunden auf den Straßen und Plätzen in denen das bevorstehende Ereignis besprochen wurde.

Die allgemeine Übereinstimmung war, dass man es eigentlich gut getroffen hatte, von den Amerikanern "eingenommen" zu werden. Ihnen wurde trotz gegenteiliger Propaganda doch die "humanste" Kriegsführung zugestanden. Die unterschwellig bange Stimmung wurde noch zur Bedrückung, als bekannt wurde, dass eine dem Nationalsozialismus sehr nahestehende Familie in der Nacht noch den Freitod gesucht hatte und bis auf eine Ausnahme auch fand.

Wussten sie mehr? Oder befürchteten sie das schon Julius Cäsar nachgesagte "wehe dem Besiegten?" Gegen 10 Uhr ging der erste Rundruf durch die Reihen: Die Amerikaner stehen in Türkheim. Unwillkürlich zog es die Blicke zum Nachbarort. Es wurde aber fast halb elf, bis die neue Position Wiedergeltingen  durchgegeben wurde. Alle Augen waren nun auf den gegenüberliegenden Ortsausgang gerichtet.

Nach kurzer Zeit schob sich einer grünen Riesenschlange gleichendes Gebilde bis auf die heutigen Gabriel Weiher, um dort anzuhalten. Nach wenigen Augenblicken lösten sich fünf moderne Pershing- Panzer - die US-Armee hatte zu dieser Zeit gerade mal 200 von ihnen - aus dem Tross und rollten in einem erhöhten Schritt-Tempo auf Buchloe zu.

Eltern ermunterten ihre Kinder, den Ankommenden zuzuwinken. Diese ließen nur für einen kurzen Blick aus den offenen Seitenluken in ihrer angespannten Konzentration nach, mit der sie den Ort zu durchqueren gedachten. Nach 15 Minuten, in denen auch die mühsam errichtete Panzerbarriere niedergedrückt wurde, war der Weg durch die Ortschaft frei.

Nun gab es kein Halten mehr. Ohne Unterlass rollten die Sherman-Panzer durch Buchloe in die verbleibenden Himmelsrichtungen, der Knotenpunkt war ohne Übertreibung das Einlasstor zur weiteren Eroberung Süddeutschlands.

Erst nach Einbruch der Dunkelheit kam die Endloskolonne, welche wohl mehrere tausend Tanks umfasste, zum Stillstand. Kostbares Benzin wurde vergossen zum schnellen Entfachen von Lagerfeuern, um die mitgeführte Mahlzeit anzuwärmen. Am nächsten Morgen konnten die Einwohner hautnah ein Frontfrühstück der Sieger miterleben. Gereicht wurden seltsam duftende Getränke, "Bohnenkaffee", weißes Brot, dazu Festtags-Zutaten wie Butter und Marmelade. Der Durchzug aller Waffengattungen sollte noch zwei Tage andauern.

Auffallend bei den französischen Einheiten, denen die Landungsfahrzeuge überlassen worden waren, dass exakt jeder zehnte Amphibienwagen einen deutschen Offizier auf den außen angebrachten Auftritten als Siegestrophäe mit sich führte.

Nachdem Buchloe nun besetzt war, erließen die neuen Machthaber als erstes eine nächtliche Ausgangssperre von von 18 bis 6 Uhr. Auch die Entwaffnung der Zivilbevölkerung wurde umgehend in Angriff genommen, Jagdgewehre und Pistolen mussten bei der Verwaltung angegeben und anschließend auf das Straßenstück zwischen Gasthof Eichel und Klughammer verbracht und danach durch mehrmaliges Überfahren mit einem Halbkettenfahrzeug unbrauchbar gemacht.

Den nun verbliebenen  Waffenschrott kippten Armeeangehörige in einen Tümpel an der Bahnlinie nach Kaufbeuren in Sichtweite  des Bahnwärterhauses und deckten ihn zusätzlich mit Erdreich ab. Unter den zahlreichen Zuschauern wurde mitunter auch einander zugeraunt: "Ich hab mein schlechtestes Gewehr abgegeben", worauf die Antwort kam: "Ich schon auch." Man machte eben aus den Umständen das beste.

Noch immer stand im Bahnhof der liegengebliebene Versorgungszug, auch mit verderblichen Lebensmitteln, und so wurde dieser an zwei Tagen jeweils von 14 bis 16 Uhr zur Plünderung freigegeben. Ein Pistolenschuss eröffnete das Treiben. Zwei Schüsse riefen zur Beendigung. Dass es dabei nicht immer gesittet ablief, wer will es verdenken, nach den vielen Jahren der Entbehrung nun einmal aus dem Vollen schöpfen zu können. 

Noch immer gab es die offensichtlich vergessene Verteidigungsstellung mit ihrem brisanten Inhalt und so kam es wie es kommen musste. Am 10. Mai  nahm eine fünfköpfige Gruppe Heranwachsender das Areal als willkommenen Abenteuer-Spielplatz an. Ein kreisendes Flugzeug gab den Anstoß, eine darin befindliche Kanone zu laden. Fehlerhaftes Hantieren ließ die eingelegte Granate explodieren. Dabei wurden vier der Beteiligten schwerst verletzt.

Um seine Gefährten zu retten, machte der einzige nur leicht Verwundete den Lauf seines Lebens, um schnellstmöglich die örtliche Besatzung zu alarmieren. Diese rückte auch umgehend mit einem Großaufgebot an Sanitätspersonal und Fahrzeugen aus, doch ihre Hilfe kam für drei von ihnen zu spät. Der Vierte erlag Wochen später seinen Verletzungen.

Noch zur selben Stunde wurde das letzte Relikt kriegerischer Vergangenheit Buchloes auf Lastwagen verladen und weggeschafft. Die Spielgefährten fanden auf dem heutigen Schwesternfriedhof nebeneinander ihr Grab.

Die neue Ordnung, die mit dem Austausch der Soldaten Einzug gehalten hatte, war vorerst nur an kleinen Begebenheiten zu erkennen. So als ein Zug Infanterie von Kindern neugierig bestaunt in den Ort marschierte. Ein Knirps glaubte, die Ankommenden mit einem formvollendeten aber seit einigen Tagen nicht mehr gültigen deutschen Gruß empfangen zu müssen. Während die umstehenden etwas älteren Semester kreidebleich wurden wegen dieser Verfehlung und sich schon die unausweichliche Ahndung ausmalten, geschah Unfassbares. Fast der gesamte Trupp kringelte sich auf der Straße, sogar dem Leutnant war ein Grinsen ins Gesicht geschnitten. Es dauerte Minuten, bis der Offizier seine Kompanie wieder ausgerichtet und hinter sich  geschart hatte und mit einem vielstimmigen "oh Boy oh Boy" den Marsch nach Buchloe fortsetzen konnten. Zurück blieb eine Jungengruppe, die grübelte: War man nun glimpflich davon gekommen oder hat sich doch die Welt verändert?

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