73 Jahre nach Kriegsende
Buchloes Weg in die Neuzeit Teil 2

Der 26. April war gekennzeichnet vom Ringen der Buchloer Bürger, die vergleichsweise Unversehrtheit der Marktgemeinde in den nur noch wenige Stunden entfernten Systemwechsel zu retten.

In den frühen Morgenstunden hatten Einwohner eigenmächtig weiße Fahnen an der Mindelheimer Straße auf dem Schornstein der Karwendel Werke und der Pfarrkirche entgegen geltender Befehle des verbliebenen deutschen Restkommandos gesetzt. Dieses Vorgehen musste umgehend wieder rückgängig gemacht werden. Die amerikanische Armeeführung, bei der Sondierung des nächsten Vormarschgebietes, erlangte Kenntnis über das Fehlen jeglicher Übergabezeichen, das in seiner damals kleineren Version doch schon eine gewisse strategische Bedeutung hatte, nahm nun Verbindung mit dem Ort auf. Es wurde präzise und mit allem Nachdruck durch Androhung von Sanktionen die Ortschaft aufgefordert, die erwarteten Zeichen zu setzen, eine Überprüfung erfolge zu jeder geraden vollen Stunde.

Wie zu erwarten, kamen die deutschen Verteidiger dem Ansinnen nicht nach. So verstrich die erste Überprüfungszeit (12 Uhr) und die Gegenseite machte ihre Drohung wahr und feuerte eine Artilleriesalve auf Buchloe ab, bei der u.a. die rote Kaserne getroffen wurde und ein Zimmer im Erdgeschoss verwüstet  sowie Bahnwaggons zu Schaden kamen.

Eine verschworene Gruppe Buchloes wollte eine weitere Eskalation nicht mehr weiter herausfordern und suchte nach einem Ausweg aus dem Dilemma. Als der 14 Uhr-Zeitpunkt näherrückte, fanden sich auch einige eingeweihte Neugierige am Milchwerk ein, um die ausgeklügelte Aktion mitzuverfolgen. Dazu gesellte sich noch ein aus der Ortsmitte über die Bahngleise herbeigeeilter Herr in einer abgetragenen Arbeitsdienst-Uniform und erklärte den Umstehenden, sie müssten etwas tun, die Amis hätten sie zusammengeschossen. Er war offenbar einer der Initiatoren der Aktion.

Etwa fünf Minuten vor dem Zeitpunkt erklomm der Bekleidung nach ein Beschäftigter im Kesselhaus den Kamin. An seinen hastigen Bewegungen konnte man erkennen, dass er sich des Prekären seines Vorhabens bewusst war, befestigte mit wenigen Handgriffen die mitgeführte Flagge, um schnell wieder den Rückweg anzutreten.

Man konnte die Uhr danach stellen, so pünktlich erschien am westlichen Horizont ein leichtes Verbindungsflugzeug vom Typ Piper, dem Gegenstück des deutschen Fiseler-Storchs, flog nur etwas höher als der Schornstein die Amberger Str. entlang und nahm das geforderte Symbol zur Kenntnis, um wieder unverzüglich den Rückweg anzutreten. 

Als der Aufklärer über den Amberger Höhen entschwunden war, kam die ausgesuchte Person aus der Kaminluke und entfernte das strittige Objekt. Diese Prozedur wurde um 16 Uhr wiederholt und Buchloe wurde durch diese Finesse durch die US-Armee nicht mehr weiter behelligt.

Beim Einbrechen der Dämmerung war auch die Zeit für die Nachhut gekommen. Mit einem sogenannten Kübelwagen wurde noch einmal der Ortsausgang kontrolliert, um sich danach in rascher Fahrt Richtung Landsberg abzusetzen. Für die nächsten Stunden lag Buchloe nun zwischen den Fronten - Niemandsland.

Fortsetzung folgt.

2 Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen