Bildung
Wiggensbacher Grundschul-Rektor Josef Dietrich (61) über Schüler, Lehrer und Eltern

Die Lust und der Mut, etwas Neues auszuprobieren, etwas Neues zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen, hängt nicht mit der Größe einer Einrichtung zusammen.

Ein Beispiel dafür - siehe das erste begehbare Geometrie-Klassenzimmer Bayerns -ist die Grundschule im Oberallgäuer Wiggensbach. Sie ist mit 19 Lehrkräften, neun Grundschulklassen und 186 Schülern eher ein Winzling im Vergleich zu anderen Schulen oder gar Schulverbänden.

Über Schule und Bildung, über Schüler, Lehrer und Eltern, sprachen wir mit Rektor Josef Dietrich (61), der unter anderem bei Fußwallfahrten Kraft für seine tägliche Arbeit tankt.

Herr Dietrich, was sind Ihre Ziele als Pädagoge und Schulleiter?

Dietrich: Mir geht es in erster Linie darum, dass unsere Schüler nach der vierten Klasse sagen: Wir hatten eine wunderschöne Grundschulzeit, haben wirklich eine tolle Gemeinschaft erlebt. Daneben geht es natürlich um die Vermittlung des nötigen Wissens. Da fordern wir viel und haben ein entsprechend hohes Unterrichtsniveau.

Bildung bedeutet also nicht nur reine Wissensvermittlung?

Dietrich: Bildung verstehe ich als Menschenbildung. Und das geht nur in Zusammenarbeit mit den Eltern. Ein Kind muss spüren, dass die Eltern die Lehrkraft mögen und respektieren. Sonst kommt es in einen Konflikt zwischen der Zuneigung zur Lehrkraft und der Liebe zu den Eltern.

Mithin Schule als durchaus emotional besetztes Feld?

Dietrich: Auf allen Ebenen. Ein Kind muss sich von der Lehrkraft angenommen und wertgeschätzt fühlen. Wenn dem so ist, fällt Lernen ungemein leichter. Dass dem wirklich so ist, haben übrigens jüngst Ergebnisse der Hirnforschung bestätigt. Seit dieser wissenschaftlichen Untermauerung wird dieser emotionale Aspekt an der Uni auch verstärkt in die bislang arg verwissenschaftlichte Ausbildung von Lehrern eingebaut.

Auch Lehrer müssen demnach immer wieder Neues lernen. Ist da die Bereitschaft bei allen gleich groß?

Dietrich: So ein Lehrerkollegium ist ja eigentlich auch nichts anderes als eine Schulklasse. Es ist erfreulich, dass sehr viele hoch motivierte Kollegen bereit sind, immer wieder neue Wege zu gehen. Ob nun aber Schüler oder Lehrer: Wenn sich einer gut angenommen fühlt, steigt die Lernbereitschaft.

Viele Eltern setzen sich selbst und ihre Kinder unter einen enormen Erwartungsdruck schon in der Grundschule. Bringt das etwas?

Dietrich: Ich kann nur allen Eltern immer wieder raten, das Abiturtrikot nicht schon beim Einschulen zu bestellen. Jedes Kind entwickelt sich anders, geht seinen eigenen Weg. Da ist ständiges Vergleichen mit anderen nicht hilfreich, das müssen Eltern aushalten können.

Ein Schulleiter, der nicht nur die Schule sieht?

Dietrich: Ach, Kinder muss man Kinder sein lassen. Schauen Sie darauf, dass die Hausaufgaben ordentlich gemacht werden, und lassen Sie ihrem Kind ansonsten noch Zeit zum Spielen. Sonst geht die Lernfreude verloren. Kinder zu Höchstleistungen zu zwingen, denen sie auf Dauer nicht gewachsen sind, macht sie kaputt.

Sie haben eben auf dem Gang zwei Schüler mit 'junge Freunde' angesprochen.

Dietrich: Und? Ich sehe unsere Schüler als Freunde. Darum gibt es für mich keinen schöneren Beruf als den, den ich machen darf.

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