Special Prozesse im Allgäu SPECIAL

Prozess
Fahrverbot «nichts gegen ein Menschenleben»

Wie das nur passieren konnte, dafür habe er bis heute keine Erklärung. Und mit gesenktem Kopf fügt der 52-Jährige an, dass er das Geschehene zutiefst bedauere. Das Geschehene. Es ist ein Unfall, der sich am frühen Nachmittag Anfang Oktober vergangenen Jahres auf der Ortsverbindungsstraße zwischen Krugzell und Altusried ereignet. Der 52-Jährige ist dort mit einem 40-Tonner-Lkw unterwegs und übersieht einen Radfahrer, der am rechten Fahrbahnrand vor ihm den Anstieg hinauf fährt. Der Sattelzug erfasst den 70 Jahre alten Mann. Er erliegt noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen.

Der 52-Jährige sitzt deshalb nun vor Gericht. Wegen fahrlässiger Tötung. Noch einmal beteuert er, dass der Unfall für ihn unerklärlich ist. Dass er an jenem Tag andere Radfahrer auf der Strecke noch wahrgenommen habe. Nur eben den 70-Jährigen nicht. An einen «grauen Schatten» kann er sich erinnern.

In der Verhandlung geht es nicht darum, dass der Mann seine Unschuld beteuern will. Dass er den Tod eines Menschen verursacht hat, hat er längst eingeräumt und einen Strafbefehl erhalten. Von 180 Tagessätzen à 60 Euro ist da die Rede und von einem dreimonatigen Fahrverbot. Dagegen hat der Mann Widerspruch eingelegt. Gemeinsam mit seinem Anwalt will er erreichen, dass die Höhe der Tagessätze niedriger ausfällt und das Fahrverbot auf einen Monat reduziert wird. Denn erstens, sagt der 52-Jährige, habe er Schulden. Und zweitens habe ihm sein Arbeitgeber mit Kündigung gedroht, sollte er drei Monate ohne Führerschein sein.

«Nicht in dieser Instanz»

Richter Sebastian Kühn betont von Anfang an, dass bei ihm in Sachen Fahrverbot nichts zu machen sei. «Nicht in dieser Instanz», sagt er: «Drei Monate Fahrverbot - das ist nichts gegen ein Menschenleben.» Selbst wenn die Situation für den 52-Jährigen existenzgefährdend sei. «Es wäre schäbig gegenüber den Angehörigen, wenn man jetzt um einen Monat hin oder her schachert.» Zumal er bereits über einen generellen Entzug der Fahrerlaubnis für den Berufsfahrer nachgedacht habe.

Der Anwalt des Lkw-Fahrers versucht es weiter. Immerhin sei der Mann reuig, er habe sogar den Kontakt zu den Angehörigen des 70-Jährigen gesucht: «Er leidet sehr», betont der Verteidiger. Immer noch sei der 52-Jährige in psychologischer Behandlung. Wenn er nun noch seinen Job verlöre, wäre das wenig förderlich.

Doch letztlich bleibt es bei den drei Monaten. «Ein Monat ist das, was man bekommt, wenn man innerorts 31 Stundenkilometer zu schnell fährt - und nichts passiert», verdeutlicht der Richter. Und: «Man muss sich schon wundern, dass sich jemand mit dieser Schuld überhaupt noch ans Steuer setzen will.» Was die Tagessatzhöhe angeht, ist er milder gestimmt. Er geht von 60 auf 55 zurück. So muss der Lkw-Fahrer nun 9900 Euro zahlen.

 

Auf der Ortsverbindungsstraße zwischen Krugzell und Altusried kam es im Oktober 2010 zu einem tödlichen Unfall. In der Kurve erfasste ein Sattelschlepper einen Radfahrer, der nach Altusried unterwegs war. Genau an dieser Stelle gibt es an der Straße entlang keinen Radweg. Der Radweg zweigt vom Betrachter aus gesehen hinter der Kurve nördlich von der Straße ab und kommt dorthin kurz vor Altusried wieder zurück.

Foto: Martina Diemand

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