Portrait
Ein Jahr Landrat außer Dienst: Gebhard Kaiser ist dennoch weiterhin politisch aktiv

Ruhestand geht anders. Gebhard Kaiser (66) hat auch nach seiner Amtszeit als Landrat des Landkreises Oberallgäu noch jede Menge um die Ohren. Trotzdem genießt er die dazugewonnene Freizeit.

Insgesamt 30 Jahre, also fast sein halbes Leben lang, war Gebhard Kaiser im Landkreis Oberallgäu federführend mit dabei, 12 Jahre als stellvertretender Landrat, die letzten 18 Jahre als Landrat. Seit gut einem Jahr ist er "Landrat a.D.". Die Liste seiner Posten klingt allerdings mehr nach Vollzeit-Job: Aufsichtsratsvorsitzender der Kliniken Kempten-Oberallgäu, ZAK-Vorsitzender (bereits seit 25 Jahren), Vorsitzender der Kolping-Bildungswerke, Vermittler in Sachen Allgäu Airport auf Bitte von Kommunalpolitik und Wirtschaft. Seine Erfahrungen in der Politik, gesammelt über 40 Jahre hinweg, sein Netzwerk, sein politik-strategisches Know-How, seine Entscheidungsfreudigkeit sind weiterhin gefragt.

Freizeit bleibt trotzdem natürlich wesentlich mehr. "Ich freue mich, dass ich am Wochenende dorthin gehen kann, wo es mir Spaß macht, nicht wo ich hingehen muss." Eine Stunde länger schlafen (bis 7 statt 6 Uhr) empfindet er ebenfalls als wertvoll. Der Alltag beginnt erst so richtig um 9 und es sind "nur noch" drei Arbeitstage in der Woche statt vorher sieben. Zeit im Garten verbringen, Wandern, demnächst möchte er für sich und seine Frau Elektro-Fahrräder anschaffen. Jeden Sonntag Tennis, dazu ab und zu Crosstrainer und Laufen: Sport hat sicherlich dazu beigetragen, dass er merklich abgenommen hat.

"Ja, es sind ein paar Kilo weniger", sagt er. Großen Anteil daran hat wohl der regelmäßigere Alltag. Nicht mehr so viele "Häppchen-Termine" und Buffets, keine Verpflichtung mehr, überall zu essen, dafür regelmäßiges Mittagessen, was früher oft ausfiel. Momentan sind es noch über 100 Kilo, das soll sich demnächst ändern.

"Ich halte mich raus"

Natürlich war es zunächst eine Umstellung, nicht mehr Landrat zu sein. "Sie ist mir leichter gefallen, weil ja doch einige Ämter geblieben sind, aber das erste halbe Jahr war es durchaus schwierig. Wenn ich morgens die Zeitung aufgeschlagen habe, habe ich mich oft gewundert, musste allerdings dazu schweigen. Und das habe ich glaube ich auch gemacht, ich habe mich nicht mehr eingemischt.

Nicht "Everybodys Darling"

Als er aus dem Amt schied, waren wohl nicht alle Mitarbeiter im Landratsamt traurig. "Gut, dass er weg ist", war teilweise zu hören, natürlich nicht öffentlich. "Ich war sicherlich ein strenger Chef, habe von den Mitarbeitern auch vieles verlangt. Wenn man so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat, über 300, dass man es dann nicht jedem recht machen kann, das liegt in der Natur der Sache." Seine Verabschiedung und die Reaktionen der Menschen hätten ihm allerdings gezeigt, dass es eine gute Zeit gewesen sei. "Ich habe nicht den Eindruck, dass ich ein schlechter Chef war und dass die Leute bei mir nicht mitgezogen haben. Und das zählt."

Entscheidungen treffen. Das sieht er als seine große Stärke. Auch wenn sie sich manchmal hinterher als falsch herausstellten. "Meine Devise war immer: Nicht 'Wie verhindere ich was?', sondern 'Wie kann ich es gerade noch genehmigen?'. Sein Nachfolger Anton Klotz verfolgt einen etwas anderen Stil und versucht zunächst alle, vor allem gesetzliche Eventualitäten abzuklären.

Familienleben: So richtig erst jetzt

Wie bei fast allen Berufspolitikern, hat auch bei Kaiser das Familienleben gelitten. "Es war eine harte Zeit, vor allem in den 90ern. Meine Frau war praktisch Alleinerziehende." Eine Zeit, die die Familie jetzt im Nachhinein aufarbeitet. "Da diskutieren wir in der Familie oft, die Kinder waren in einem ganz besonderen Spannungsfeld, das haben wir gerade jetzt im Urlaub wieder einmal miteinander besprochen." Landrats-Kinder-Bonus in der Schule? Eher das Gegenteil war der Fall.

Die Töchter standen sozusagen als "Promi"-Kinder eher unter besonderer Beobachtung bei den Mitschülern. "Aber oft waren die Lehrer noch schlimmer. Sie haben versucht, nicht zu bevorzugen sondern eher im Gegenteil, eher zu benachteiligen und auch Druck auszuüben. Das haben meine drei Töchter in der Schule teilweise sehr negativ erlebt. Das macht mir manchmal schon Gedanken, das kann man nicht mehr zurücknehmen."

Mittlerweile hätten aber alle drei gute Berufe, er habe nette Schwiegersöhne, mit denen er auch gerne mal eine Halbe Bier trinke, und sehr nette Enkel. Nicht wirklich sein Verdienst, sondern der seiner Frau. Auf die ist er stolz, "dass sie das so gut hingebracht hat." Funktionierende Politiker-Familien haben wohl in den meisten Fällen diese klassische Rollenverteilung.

Bitte keine Ehrungen

Irgendwann eine "Gebhard-Kaiser-Straße" in Wiggensbach? Auf solche legt er keinen Wert. "Ich habe meine Arbeit gemacht und bin dafür gut bezahlt worden." Viele andere Landräte würden sich zu Alt-Landräten ernennen lassen. "Ich möchte nicht 'Alt-Landrat' genannt werden, sondern 'Landrat a.D.'. Ich habe selber nie allzuviel von Ehrungen gehalten und erwarte auch selber keine Ehrungen."

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