Nesselwang: Die Luftnummern der Paradiesvögel

26. Januar 2009 00:00 Uhr von Allgäuer Zeitung

Alpspitzpark - Auf die Sprünge kommts beim Freeski- und Snowboardwettbewerb an

Skifahren ist langweilig. Zumindest so, wie es früher einmal betrieben wurde. Früher, als es noch Carvingskier gab, mit denen man durch engste Radien rasend die Oberschenkelmuskulatur zum Brennen brachte. Das ist vorbei, von den unter 20-Jährigen interessiert das kaum einen mehr. Skifahren findet in der Luft statt, in den Momenten kurzer Schwerelosigkeit. Sprünge zählen, und zwar so weit und schwierig wie möglich. So zu sehen beim Freeski- und Snowboardwettbewerb "The 5ive Barbecue" im Alpspitzpark am Samstag.

"Sick!" schallt es durchs Mikrofon, wenn wieder einer den Backflip, den Rückwärtssalto, zeigt. Der Sprecher moderiert in einer Mischung aus Englisch, Hochdeutsch und Allgäuer Dialekt, die Sätze hervorbringt wie: "Make some noise für den Mann from pfuideifel Garmisch-Partenkirchen." Erwartungsvolle Gesichter richten ihre Blicke auf den Kicker, die größte Schanze des Funparks. Auf einmal zischt es, ein buntes Etwas hebt vom Schanzentisch ab, wirbelt durch die Luft und setzt mit lautem Knall auf dem Untergrund auf.

Sport und Spaß

Miteinander sporteln und Spaß haben, darum geht es den 120 Teilnehmern aus ganz Europa, in dem die besten Sprünge und Tricks auf Rails, Boxen und Kickern zählen. Allgäuer Akrobatik auf Europa-Niveau. Und das, obwohl die meisten noch nicht einmal Autofahren dürfen.

"Mit der Szene im Allgäu geht ständig was vorwärts", sagt Florian Geyer aus Pfronten. "Das motiviert". Der 19-Jährige gewann den Contest im vergangenen Jahr.

Über dem Sportsgeist kann nur noch eines stehen - der Stylefaktor, die modische Komponente der Veranstaltung: Paradiesvögel mit Zahnspangen, neonfarbenen Klamotten und Flanellhemden lassen sich mit großen Sonnenbrillen durch die Menge treiben, obwohl es schon dämmert. Ein dicker DJ mit Baseballkappe und grünem Kapuzenpulli steht hinter den Plattentellern und schiebt röhrende Bässe durch den Park. Könnte man Coolness auf dem Quecksilber ablesen, der Funtensee im Berchtesgadener Land hätte als Kältepol Deutschlands ausgedient. Denn ohne mindestens ein Brett an den Füßen bewegt sich hier keiner viel: Chillen halt. Kräfte sammeln für den Auftritt.

Scheinbar schwerelos

Denn auch wenn der Körper mancher Fahrer sich kaum bewegt abseits des Parks, löst er darin garantiert einen Wirbelsturm aus - einen aus scheinbar schwereloser Akrobatik und aerodynamischer Körperbeherrschung: Salti mit zweifachen Drehungen. Vorwärts oder rückwärts. Gehockt oder gestreckt.

David Grzybowski (21) ist aus dem hessischen Gießen angereist. In der Aufwärmrunde hat er sich an der Schulter verletzt, jetzt schaut er zu. Er findet es gut, dass sich Teenager im Winter draußen auf der Piste herumtreiben. Er beobachtet, dass es durch die Freeskiing-Szene wieder mehr junge Skifahrer gibt. "Die Kids müssen zum Coolsein nicht mehr aufs Snowboard steigen", sagt er und rückt die Mütze zurecht.

Junge Wettbewerbe wie die "Suzuki Wir Schanzen Tour", in deren Rahmen die Veranstaltung in Nesselwang ausgetragen wird, geben Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Tricks der Öffentlichkeit zu zeigen. Und den Eltern, die mit offenem Mund neben dem Park stehen. Und wenn sie sich manchmal sorgen ob der Waghalsigkeit mancher Starter: Einen Helm tragen mittlerweile die meisten. Allgäu Sport