Oberallgäu | Von Ulrich Weigel: Das schönste Geschenk: Zeit

20. Dezember 2008 00:00 Uhr von Allgäuer Zeitung
charly hÖpfl

Weihnachten - Ideen gegen den kommerzialisierten Warenaustausch unterm Tannenbaum - Präsente sind auch ohne Geld möglich

Es muss gar nicht Weihnachten sein: Die Kollegin, die gerne ins Fitnessstudio geht, freut sich immer, wenn ihr der freundliche Nachbar in Sonthofen das Schneeräumen abnimmt. Ein Geschenk, das bei jedem Schneefall willkommen ist, nicht nur anlässlich der Geburt Christi. Das Schenken zum Fest der Liebe und des Friedens hat lange Tradition: Einige Quellen nennen das Christkind als Gabenbringer sogar eine Erfindung von Martin Luther (1483-1546).

Die heutige Kommerzialisierung findet jedoch auch viel Kritik: Zu oft verkommt Weihnachten zu einem Fest des organisierten Warenaustauschs unter Tannengrün. Doch selbst wenn es unter dem Druck der Werbung nicht einfach ist - Schenken ist ohne Geld möglich. Wer da an Internetportale denkt, die für die Herausgabe der Adresse "Geschenke" wie Kugelschreiber oder Wegwerf-Sonnenbrille versprechen, ist auf dem falschen Weg.

"Mein Mann hat viel Arbeit und ganz viele Hobbys - da ist Zeit das Schönste, was er mir schenken kann", sagt eine junge Frau in Sonthofen nach eineinhalb Ehejahren. Und womit sie ihm eine Freude machen kann? "Wenn ich ihm etwas ganz Besonderes koche.

" Liebe geht halt doch durch den Magen Daran können zum Beispiel Lebensmittelhändler denken, wenn sie verderbliche Güter rechtzeitig verschenken, statt sie zu entsorgen.

Hört man sich um, fällt als Schlüsselwort für schöne Geschenke immer wieder die "Zeit". Je hektischer das Arbeitsleben, je länger die Schultage mit Nachmittagsunterricht - desto wertvoller ist es, wenn sich Familien Zeit füreinander nehmen. Über Jahrzehnte war die heiß ersehnte Modelleisenbahn bei vielen Jungs einer der Topwünsche. Wer wirklich in den Genuss kam, erinnert sich: Richtig toll war es immer erst, wenn sich der Papa Zeit nahm, um mitzuspielen. Und Hand aufs Herz: Wahrscheinlich haben es die meisten Väter ebenso genossen.

Um im Klischee zu bleiben: Näht die Mama mit der Tochter gemeinsam aus Stoffresten ein schönes Puppenkleid, ist auch das ein tolles Geschenk - und mit Lerneffekt.

Ein wirkliches Geschenk ist mehr als nur die Übertragung des Eigentums ohne Erwartung einer Gegenleistung. Und: Es muss nicht immer der Griff zur Schneeschaufel sein. Der österreichische Autor Ernst Ferstl formulierte es so: "Es kommt nicht darauf an, dass wir uns gegenseitig etwas schenken. Es kommt darauf an, ob wir imstande sind, uns gegenseitig etwas zu geben."

Tipp: Wer dem Konsumrausch gemeinsam entfliehen will, schreibt sich Wunschzettel, auf denen nur Wünsche stehen, die kein Geld kosten - vielleicht bei Früchtetee und Lebkuchen am Vierten Advent?