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Handwerkliches Können
Der Herr der Klinge

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Im Ostallgäuer Aitrang bietet Alexander Schmidt Schmiedekurse an, bei denen man sich sein eigenes Jagd- oder Küchenmesser fertigen kann. Dabei vermittelt Alexander Schmidt nicht nur handwerkliches Können, sondern auch seinen Blick auf das Leben.

Ein Holzhäuschen an einer Kurve im Aitranger Ortsteil Huttenwang ist jener Ort, an dem sich Alexander Schmidt am wohlsten fühlt. Hier, zwischen seinen zwei Öfen und den Ambossen, ist er in seinem Element. An der Wand hängen eiserne Zangen und Hämmer, darüber Geweihe und ausgestopfte Tiere. Ein Kupferkessel steht in der Ecke. Neben den Öfen findet sich eine eiserne Werkbank mit Schraubstock, über der ein Positionslicht mit Fischerkugel hängt. Das Sammelsurium der Werkstatt ist mindestens so vielfältig, wie derjenige der es zusammengetragen hat.

Alexander Schmidt ist das, was man traditionell als Mannsbild bezeichnen würde. Kräftig, stämmig, mit Bauch und Bart. Ein Schmied wie aus einem Märchenfilm, möchte man meinen. Wären da nicht die zahlreichen Tattoos auf Händen, Armen und am Hals. Sie verleihen dem Mann aus dem Ostallgäu das Aussehen eines harten Kerls.

Wer sich aber mit ihm unterhält, merkt schnell, dass das Sprichwort „Harte Schale, weicher Kern“ auf kaum jemanden besser zutrifft als auf ihn. Alex, wie er sich selbst nennt, begegnet dem Leben und den Menschen mit offenen Armen. Er versteckt sich nicht hinter irgendwelchen Masken, macht niemandem etwas vor. Er ist im besten Sinne ehrlich und genau so sind auch seine Themen: Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit. Ein Mann, ein Wort.

Die Welt aus Instagram, Facebook und Influencern ist ihm suspekt. Zu viel Falsches und Gestelltes. Zu viel Fassade. Alexander Schmidt hingegen liebt das ehrliche Handwerk. Etwas mit den eigenen Händen schaffen. Etwas, das man anfassen und benutzen kann, und das Ganze am besten aus Dingen, die uns die Natur schenkt.

Alex Schmidt führt mich in seinen Keller. Es riecht nach Horn und Leder. Wir betreten einen Raum, der aussieht wie die Requisitenkammer von „Game of Thrones“. Zahlreiche Tierfelle hängen an der Wand und über Schnüren, die quer durch den Raum verlaufen. Reh, Hirsch, Dachs, Ziege und andere Tiere. Boxen voller Geweihe, ausgestopfte Tiere, Hühner- und Entenfüße, Muscheln, zahlreiche Hölzer, Knochen und Metallteile. Alles bekommt er von Jägern aus der Umgebung oder Menschen von der Küste sowie Freunden, die auf Reisen jene Dinge entdecken, die für ihn interessant sein könnten.

„Das sind alles Sachen, die ansonsten weggeworfen würden“, erklärt Alexander Schmidt. „Aber für mich sind es Werkstoffe.“ Er greift in eine Schachtel und hält mir einen Kieferknochen entgegen. „Von einem Dachs“, sagt er. Dann hebt er etwas Glänzendes auf. Es ist ein Knochen, der vollständig in Epoxidharz eingefasst ist. „Weißt du, was das ist?“, fragt er mich. Ich schüttele den Kopf und bin im nächsten Moment von der Antwort überwältigt. „Mammut“, sagt Schmidt und lächelt.

Aber er sammelt all diese Dinge nicht zum Spaß. Für ihn sind es Werkstoffe, die er für seine wahre Leidenschaft benötigt: das Schmieden. Die Initialzündung brachte eine Dokumentation im Fernsehen über einen Schmied, der als Letzter seiner Art vorgestellt wurde. „Ich war ja Metaller, hatte also einen Bezug zum Material. Irgendwie hat mich das fasziniert und ich dachte, dass ich das auch machen möchte.“
Zudem lag ihm das Schmiedehandwerk im Blut. Schon sein Großvater war Schmied, und der kleine Alexander hatte ihm oft über die Schulter geschaut. Also suchte er sich als Erwachsener einen Schmied in seiner Nähe und ließ sich die wichtigsten Dinge beibringen, bevor er sich selbst daran machte, seine ersten Werke zu schmieden.

Seit einigen Jahren bietet Alexander Schmidt nun unter dem Namen „Der blecherne Alex“ Schmiedekurse an. Die Kurse richten sich an Jedermann und Jederfrau. Wer Interesse daran hat, einmal an einem Tag ein eigenes Messer zu schmieden, samt Griff aus Horn oder Holz und Lederscheide, ist bei ihm willkommen.
Eine intensive Betreuung seiner Kunden ist Alexander Schmidt besonders wichtig. „Das ist eine ernsthafte Sache. Wir hantieren mit Feuer und sehr heißen Eisen und die Arbeit ist anstrengend. Deshalb können pro Kurs nur zwei bis drei Personen teilnehmen, damit ich mich auch um jeden ausreichend kümmern kann.“ Wichtig ist Schmidt die Betonung, dass das Schmieden zwar Spaß mache, aber kein Event ist: „Wir sind einen Tag lang konzentriert bei der Sache. Ob beim Schmieden, beim Sägen, Schleifen oder Polieren. Aber am Ende des Tages hält jeder sein eigenes Messer in der Hand.“

So als wolle er mir zeigen, welch schwere Arbeit das Schmieden ist, legt Alexander Schmidt ein Stück Stahl in die Flamme und dreht die Gasflasche auf. Das Feuer im Ofen faucht. Es dauert nicht lange, bis sich das Eisen erhitzt. Eben noch schwarzgrau, ist es nun leuchtend orange. Schmidt holt das Stück mit schneller Bewegung aus dem Ofen und legt es auf den Amboss. Weit ausholend, schlägt er auf das Eisenstück. Und noch einmal. Kling, kling, tönt es durch die Schmiede. Nach wenigen Sekunden ist das Eisen zu kühl, um weiter geschmiedet zu werden und so kommt es zurück in den Ofen. Diese Prozedur wiederholt sich noch etliche Male, bis die Klinge fertig geformt ist.

Die Teilnehmer seiner Kurse können zwischen verschiedenen Messern wählen – Taschenmesser, Jagdmesser oder Küchenmesser. Das Gleiche gilt für die Griffe. Ob Holz, Horn oder Knochen: Alexander Schmidt hat alles in verschiedensten Farben und Formen im Angebot. Bearbeitet werden die Griffe in einem Raum neben der Schmiede. Dort stehen mehrere Schleifmaschinen, an denen man die Griffe in Form bringt und poliert, bevor sie mit der Klinge „verheiratet“ werden. So nennt man jenen Moment, wenn Messer und Griff verbunden werden.

Ich bin auf das Endergebnis gespannt. Ausgebreitet auf Hasenfellen auf einem rustikalen Holztisch liegen zahlreiche Ergebnisse seiner Arbeit. Kleine und große Messer. In hellen oder dunklen Lederscheiden, mit Griffen aus Holz oder Horn. Jedes ein Unikat. Ich nehme eines und wiege es in der Hand. Es fühlt sich gut an. Ich glaube, die vielen Stunden Arbeit zu spüren, die in das Messer geflossen sind. Dann ziehe ich das Messer aus der Scheide. Das geschliffene Eisen glänzt im Schein der Lampe.

Die Klinge ist nicht gleichförmig wie bei einem Industrieprodukt. Man sieht, dass sie von Hand gearbeitet wurde. Aber genau das macht das Messer so besonders. Und da ist es wieder, sein Thema: das ehrliche Handwerk. Man beginnt zu verstehen, worauf es Alexander Schmidt ankommt. Es geht um Werte, um Haltung – zum Leben und zu seiner Arbeit. In dieser Hinsicht ist Alexander Schmidt im besten Sinne altmodisch und jeder, der bei ihm ein Messer schmiedet, nimmt ein gutes Stück davon mit.

Text: Christian Mörken

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