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02.11.2012 · Marktoberdorf

In 100 Tagen von Marktoberdorf nach Santiago

Auf den Spuren des Heiligen Jakob und der modernen Muschelpilger

Er ist Jahrhunderte alt, wurde aber erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt, der Bayerische Jakobsweg, der von Böhmen über Bayern bis nach Österreich führt. Pilger kommen über den Auerberg und durch Bertoldshofen nach Marktoberdorf.

Pilger auf dem Bayerischen Jakobsweg bei Bertoldshofen
Pilger auf dem Bayerischen Jakobsweg bei BertoldshofenBild: Gerlinde Reisach
In Wanderbekleidung, mit Rucksack und festem Schuhwerk bekleidet, entdecke ich zwei Personen mit Hund am Ortsausgang von Bertoldshofen. Da hier der Jakobsweg in Richtung Marktoberdorf verläuft und ich gerade dieses Thema für unsere Jubiläumsausgabe des Wochenblatts Extra recherchiere, spreche ich die Leute an, in der Hoffnung, auf echte Pilger zu treffen. Wie sich schnell herausstellt, sind diese fast am Ende ihrer Etappe und freuen sich darauf, in Kürze ein gutes Pilgerquartier für sich und ihren tierischen Begleiter zu finden. Gabi und Manfred Ruckdäschel mit ihrem Hund Osko leben in Ingolstadt und haben sich für 2012 das bayerische Teilstück des „Camino“ vorgenommen. Sie starteten am Marienplatz in München und haben als Tourenziel Lindau anvisiert. Das durchwegs gute Wetter im August bescherte ihnen wunderbare Ausblicke auf das hügelige, grüne Land, das den ganzen Weg des bayerischen Jakobswegs (2003 wieder eröffnet) als sehr schönen Streckenabschnitt des Pilgerwegs nach Santiago ziert. Der Bayerische Jakobsweg wird immer beliebter. Einstiegspunkt für viele Pilgerfreunde ist die Jakobskirche in München, nach der Aussendung durch das Angerkloster. Hier bekommt man einen persönlichen Pilgerpass und Gottes Segen mit auf den Weg. Diese „Armen Schulschwestern“ unterhielten bis 2001 in Marktoberdorf ein Ordenshaus neben der Schule St. Martin, in der sie auch unterrichteten. In den letzten Jahren verzeichnete das Mutterhaus am Jakobsplatz in München einen starken Zuwachs an Pilgern, die sich von hier aus auf den Weg machen. Dieser fädelt ein in die Pilgerwege der Schweiz sowie in Frankreich und mündet schließlich auf den Weg in Spanien.
Jakobsmuschel und Bischofsstab - Pilgerwege kreuzen sich hier
Jakobsmuschel und Bischofsstab - Pilgerwege kreuzen sich hierBild: Gerlinde Reisach

Die Muschel

Es ist eine Zeit intensiver Begegnungen mit der Natur, mit anderen Menschen und vor allem mit sich selbst, wenn man den Mut hat, das Handy auszuschalten und nur noch für den Notfall im Wandergepäck verstaut. Auf dem Rucksack oder am Wanderstock wird eine Jakobsmuschel befestigt, die den Pilger als solchen kennzeichnet. Von München bis nach Stötten am Auerberg dient als Wegmarkierung die „Europamuschel“: Gelbe Muschel auf blauem Hintergrund (wie auf dem Bild). Der Vorteil dieses Wegzeichens ist, dass man hier die Richtung vor Augen hat, da der Punkt in dem sich alle Strahlen bündeln, die Himmelsrichtung nach Santiago aufzeigt. Ab dem Gemeindegebiet Marktoberdorf bis zum Bodensee markiert auch die sogenannte „Schwabenmuschel“ die Pilgerstrecke. Das Ingolstätter Pilgerpaar Ruckdäschel beschreibt mir in kurzen Worten ihren bisherigen Wegverlauf als sehr schön und sonnig, wenn auch durch den vielen Asphalt die Beine schneller ermüden, als beispielsweise der Schottergrund von Fernwanderwegen. Durch den erfrischenden, weil weitgehend bewaldeten Pfaffenwinkel wanderten sie dann an der barocken Wieskirche vorbei, die zum Verweilen einlädt. Romantisch erlebten sie die Feuersteinschlucht, bevor sie hinauf zum Auerberg pilgerten und eine 360° Rundumsicht genossen.

2404 km nach Santiago - Hinweisschild zum Jakobsweg am Wegesrand
2404 km nach Santiago - Hinweisschild zum Jakobsweg am WegesrandBild: Gerlinde Reisach
Zeichen am Wegesrand

Als die Wandergesellen Bertoldshofen erreichten, erfreuten sie sich über den gut sichtbaren Hinweis eines Pilgerhauses. Es gehört der Familie Lehmann. Sie haben einen Wegweiser mit der Angabe: 2404 KM nach Santiago gleich neben einem Bildnis, das den Heiligen Jakob darstellt, an ihrem Zaun befestigt. Im örtlichen Gasthaus Königwirt wollten Gabi und Manfred  ihre Mittagsrast machen, doch leider hatte dieser seinen Ruhetag. So war meine Auskunft für die drei „Zu-Fuß-Reisenden“  sehr beruhigend, dass Marktoberdorf nicht mehr weit sei und der Weg dahin etwas besonderes ist.
Lindenallee Marktoberdorf - Pilgerweg
Lindenallee Marktoberdorf - PilgerwegBild: Gerlinde Reisach

Durch die Kurfürstenallee mit ihren alten Linden schreitet man auf die Schlosskirche St. Martin zu und kann einen wunderbaren Blick auf die Stadt und die welligen Hügel bis zur Bergkette genießen. Auf die Frage eines mir bekannten Quartiers, empfahl ich das von Elfie und Erhard Geipel. Diese haben 2010 ein Pilgerhotel mit sieben Betten am Alsterberg eröffnet. „Elfie´s Pilgerquartier“ ist keine ganz gewöhnliche Übernachtungsstätte. Die Geipels sind selbst begeisterte Jakobspilger und waren mehrfach auf dem Weg nach Santiago de Compostella. Ihre vielen schönen und wichtigen Pilgererfahrungen ermutigten das Ehepaar ein sehr bequemes Quartier in der Kreisstadt Marktoberdorf einzurichten.  Das Pilgerhaus wurde mit vielen liebevollen Details geschmückt und liegt sehr zentral. Hier bekommt man nicht nur den gewünschten Stempel in seinen Pilgerpass (auf dem Bild), sondern auch nützliche Tipps und aufmunternde Geschichten von Gleichgesinnten mit auf den Weg. Wie Erhard Geipel voll Stolz erklärt, ist einer seiner selbst hergestellten Wanderstöcke von einer Pilgerin mit dem Namen Anne mitgenommen worden. Sie ist  in 100 Tagen von Marktoberdorf aus nach Santiago gewandert. Der Pilgerstock ist  zu Geipels zurück gebracht worden und ziert seitdem
Stempel im Pilgerpass von Elfie´s Pilgerhotel in Marktoberdorf
Stempel im Pilgerpass von Elfie´s Pilgerhotel in MarktoberdorfBild: Gerlinde Reisach
den Flur. Anne hatte ihn als Pilgerin mitgenommen und als Freundin wieder gebracht.

So geht´s weiter

Wer Marktoberdorf verlässt, kann mutig über die schaukelnde Hängebrücke, die den Fluss Wertach überspannt, nach Görisried laufen, bevor man den Kemptener Wald durchquert, um in die Allgäuer Metropole Kempten zu gelangen. Von hier aus geht es auf aussichtsreichen Höhenwegen nach Weitnau. Hier lohnt sich ein Besuch der Jakobskapelle und vielleicht einem Gebet „.Dios ayuda y Santiago – Gott hilft und der heilige Jakob“. Über Wiesenhänge schreitet man durch den aussichtsreichen Kapellenweg nach Scheidegg. Weiter geht es auf die Trögerhöhe mit dem Berg Pfänder im Blick und hier dann direkt auf die Gondelbahn zu. Der Bodensee liegt hier den Pilgern dabei zu Füßen und die Aussicht lädt zu einer Rast ein, bevor man Bregenz erreicht. Hier geht es mit einer Schiffspassage nach Lindau und dann - wenn man will - viel weiter. Für Gabi und Manfred Ruckdäschel ist hier am 2. September 2012 erst mal das Ende der Tour erreicht und nach der Rückkehr in den Alltag können bald neue Pläne geschmiedet werden.
Jakobsmuschel
JakobsmuschelBild: Gerlinde Reisach

Erst ein Versuch

Jakobsweg-Variante für Einsteiger „Weg der Besinnung“

Von Marktoberdorf starten Sie Ihre Tour Richtung Ettwiesen. Sie wandern weiter nach Fechsen und über Leuterschach nach Wald. Im Wertachtal folgen Sie dem Weg nach Bergers, vorbei am Klosterhof und weiter nach Kaltenbrunn zur Wertachtal und der Hängebrücke. Marschieren Sie nach Görisried und Beilstein in den Kemptener Wald (Anschluss an die Hauptroute). Der „Weg der Besinnung“ ist die längere, aber abwechslungsreichere Variante des Münchner Jakobswegs entlang des Wertachtals mit viel Natur und Ruhe.
Start: Marktoberdorf,
Ankunft: Kemptener Wald
Länge: 28 km
Gehzeit: 4 Stunden
Höhenunterschied: 400 m
Wegbeschaffenheit: Schotter
Ausrüstung: Schuhe mit griffiger Sohle.
Viel Vergnügen!
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Artikelinfos
AutorGerlinde Reisach
Veröffentlichung02.11.2012
Aktualisierung23.08.2013 14:38
Ort Marktoberdorf
Schlagwörterjakobsweg

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