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16.08.2013 · Lindau

Club Vaudeville in Lindau: "Love music, hate racism"

Kultur · "Gassenhauer" - Das ist die Übersetzung des Wortes "Vaudeville". Anfang der 80er Jahre hatten es junge Menschen in Lindau offenbar nicht leicht. "Nix los", könnte man sagen. Mit dem Club Vaudeville sollte sich das ändern.

Mark Jehnes (36), Booker, Ausbilder und "Mädchen für alles" im Club Vaudeville, war damals noch in der Grundschule. Er erzählt im Interview mit all-in.de, woher der Club kam und wie er heute dasteht.

Mark, könntest du vielleicht zunächst einen kurzen geschichtlichen Abriss machen, wie der Club Vaudeville entstanden ist?

Es waren einige junge Menschen, die den Club mangels eines Ortes, in dem kulturelles Programm geboten wird, gegründet haben. Dann haben sie sich in verschiedenen Räumen eingemietet und haben dort Diskos und Konzerte veranstaltet.
Einige Jahre später wurde im Motzacher Weg dann ein Raum gefunden. Dort war der Club Vaudeville über zehn Jahre ansässig. Der Haken war allerdings: Die Räumlichkeiten lagen mitten in einem Wohngebiet und die Gäste waren nicht immer die leisesten. Da gab es dann über Jahre hinweg auch Gerichtsverhandlungen.
Seit 1998 sind wir jetzt in diesem Gebäude (Von-Behring-Straße, Anm. d. Red.) hier. Der ganze Laden wurde in Eigenleistung umgebaut und war früher eine Kartbahn.

Welches Ausmaß hat das ganze mittlerweile angenommen?

Wir haben heute ein Programm von ungefähr 150 Veranstaltungen im Jahr, das setzt sich zurammen aus Konzerten, Diskos, Partys, Kino, Kabarett, Politvorträge etc. Wir finanzieren uns zu fast 100 Prozent selbst. Außer einem ganz kleinen Zuschuss von der Stadt sind wir also fast autonom. Seit über 10 Jahren sind wir auch Ausbildungsbetrieb für Veranstaltungskaufleute und Veranstaltungstechniker(innen). Aktuell haben wir gerade den dritten Lehrling in jedem Bereich.

Wie ist der Club aufgebaut?

Wir haben circa 500 Mitglieder, die meisten davon sind aber passive Mitglieder. Aktive Mitglieder haben wir etwa 30 bis 35. Aus denen rekrutieren wir zum Beispiel unser ehrenamtliches Bar- und Einlasspersonal, Aufbauhelfer, Küchemitarbeiter und so weiter. Fest Angestellte haben wir zwei und dazu einen Teilzeit-Hausmeister.

Wie steht ihr finanziell momentan da?

Finanziell ist es spannend. Der Club Vaudeville läuft immer gut. Aber das muss er auch, damit er überhaupt überlebt. Vor drei, vier Jahren zum Beispiel war es sehr eng. Das Grundstück hier wurde verkauft und hat einen neuen Vermieter bekommen. Da sind die Mieten und die Mietnebenkosten plötzlich rapide angestiegen. Das waren auf einmal zwischen 12.000 und 15.000 Euro mehr im Jahr.
Gleichzeitig hat die Stadt 20.000 Euro Lehrlingsgelder gekürzt. Wir haben also von einem Tag auf den anderen erfahren, dass wir 35.000 Euro mehr im Jahr erwirtschaften müssen - das ist für so einen Laden natürlich relativ hart. Es bleibt also spannend. Aber ich sag mal so: Sonst wäre es ja auch langweilig.

Wie weit seid ihr dann generell immer so gerade von der Pleite weg?

Wir schauen auf jeden Fall, dass wir für mehrere Monate überlebensfähig sind - es kann ja sein, dass irgendwas verrutscht oder so. Aber ganz wichtig ist: Der Laden läuft nur, weil wir so viele ehrenamtliche Helfer haben.

Neulich im Zusammenhang mit dem "Umsonst und Draußen" (U&D), das ja beinahe nicht stattgefunden hätte, hatte es bereits geheißen: Wenn das nicht stattfindet, sehen wir alt aus...

Beim Umsonst und Draußen haben wir Auslagen im Vorfeld: Band-Gagen, eine professionelle Security-Firma, Absperrungen - das allein sind etwa 25.000 Euro. Die müssen wir durch den Getränkeverkauf erst mal wieder reinspielen. Wenn wir das U&D nicht hätten durchführen können, dann wären diese 25.000 Euro weg gewesen - und das ist natürlich ein harter Brocken.
Uns hat das U&D dieses Jahr im Vorfeld extrem viel mehr Arbeit gekostet und wir hatten durch diesen netten Herren, der gegen das U&D klagen wollte, circa 5.000 Euro Mehrkosten.

Gut, aber die Geschichte war auch nicht werbe-unwirksam...

Es war nicht werbe-unwirksam, ja. Aber wir haben gesagt: Wir können das so vom Herzblut her nächstes Jahr nicht nochmal machen. Das Schöne war allerdings, dass wir so viel Rückenwind und Rückhalt aus der Bevölkerung, aus der Politik, von der Stadt, den Gästen bekommen haben. Das war Wahnsinn!

Gibt es eigentlich auch noch Leute aus der Gründerzeit, die nach 30 Jahren immer noch da sind?

Ja, es gibt noch ein paar. Wir haben zum Beispiel einen, der immer am Tresen arbeitet, der Wolfgang, der schon ganz lang dabei ist. Aus der zweiten Generation haben wir Leute, die seit den 90er Jahren hier sind. Ich selbst bin seit 1997 dabei und gehöre damit eigentlich auch schon zum alten Eisen.

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Bands aus, die im Club spielen?

Wir müssen natürlich schauen, dass wir relativ viele Zielgruppen ansprechen. Was gut läuft sind die Bereiche Punkrock, Hardcore, Metal, Rockabilly, Psychobilly, Reggae, HipHop, Ska und Indie - da haben wir einen relativ guten Namen als Club. Es gibt Bands, die haben wir jetzt schon 12-mal gebucht, das ist dann sogar eher ein freundschaftliches Verhältnis. Wenn die auf Tour kommen, sagen sie: "Wir würden gerne im Club spielen."

Obwohl es wahrscheinlich nicht die höchste Gage gibt...

Ja, wir haben eher den Ruf, dass wir ziemlich knickrig sind. Aber wir müssen leider so arbeiten. Wir sind ja auch knickrig uns selbst gegenüber.

Gibt es auch Bands, die ihr auf keinen Fall einladen würdet?

Ja, natürlich. Ein Beispiel: Anfang 2000 war die Reggae-Szene sehr stark, da gab es viele Bands, die zwar schöne Musik gemacht haben, aber sehr homophob (gegen Homosexuelle, Red.) waren. Einige dieser Bands haben wir deswegen nicht eingeladen.
Mitte 2000 gab es Angebote von Sido, von Bushido und so weiter, da hat man sich am Anfang auch sehr dagegen gewehrt. Seit Sido aber anders drauf ist, haben wir ihn auch schon mal mit Band auftreten lassen.
Wichtiges Thema momentan: Deutschrockbands. Da gehen die Meinungen auseinander. Man muss schon aufpassen, was man bucht. Freiwild zum Beispiel haben wir mal angeboten bekommen, die haben aber hier nicht gespielt.

Jetzt habt ihr durchaus auch Publikum da, bei dem "normale" Leute sagen würden: "Wenn das mal gutgeht...", Ganzkörper-Tätowierte, wild aussehende Punks und Psychobillys - wie ist das mit der Gewalt im Club Vaudeville?

Hier im Laden haben wir eigentlich gar keine Probleme. Die friedlichsten Konzerte sind die, auf denen die wildesten Leute rumlaufen. Veranstaltungen, bei denen verschiedene Zielgruppen aufeinandertreffen, zum Beispiel eine Disko oder eine Schülerparty sind da schwieriger - da kann es eher mal Ärger geben. Solche Veranstaltungen haben wir aber relativ selten. Unsere Securitys haben also einen lockeren Job hier.
Und Leute mit rechtsradikaler Gesinnung, die haben hier sowieso nichts verloren, die wollen wir hier nicht haben.

Es ist natürlich nicht mehr so einfach wie vor zehn Jahren, da hat man Nazis gleich am Aussehen erkannt. Kurze Haare, Springerstiefel, weiße Schnürsenkel und so weiter. So sehen die Leute heute nicht mehr aus. Die haben jetzt andere Codes mit denen sie sich tarnen, da achten wir schon sehr drauf.
Wir haben ein sehr linkes Spektrum an Leuten im aktiven Kern - das erkennt man zum Beispiel an den Bannern die hier hängen. Wir werben auch auf allen Flyern mit dem Spruch "Love music, hate racism". Das ist das, wofür der Club steht.

Was habt ihr für Ziele in den kommenden Jahren?

So weiter machen wie bisher. Ganz wichtig für uns ist, dass wir weiterhin zwei Ausbildungsplätze bieten können, Veranstaltungskauffrau/-mann und Veranstaltungstechniker sind sehr gefragte Berufe und da sind wir hier einer der wenigen Ausbildungsbetriebe in der Region. Alle die bei uns ihre Lehre gemacht haben sind in der freien Berufsfeld erfolgreich - jeder ist mit Kusshand irgendwo genommen worden. Das ist für uns neben dem musikalischen Output, den wir hier lieben, ein sehr großer Erfolg.
Außerdem ist es immer schön, wenn wir junge Menschen begeistern können. Wenn die zum Beispiel mit 15 Jahren zum ersten Mal in den Club kommen und hier dann eigenverantwortlich etwas organisieren können, dann bringt das uns und ihnen wirklich viel.
Ansonsten wäre es schön, wenn wir ein neues Gebäude finden könnten - da schielen wir schon lange drauf. Wir wollen einen eigenen Laden, einen für den wir keine Miete zahlen, der uns gehört und den wir ein bisschen anders gestalten können. Hier ist es zwar schon sehr gut, aber wir haben relative hohe Miet- und Nebenkosten. Davon würden wir gerne wegkommen.

Wie ist denn eigentlich so der Rückhalt aus der Politik, besonders in Sachen Veranstaltungsort?

Der Rückhalt ist gut. Trotzdem aber haben war ja schon seit 10 Jahren ein Problem ein Festplatz in Lindau zu finden. Einen auf dem alle Veranstalter feiern können, da geht es ja nicht nur um den Club Vaudeville. Wir wandern hier in Lindau seit 11 Jahren von Platz zu Platz. 

Ihr fühlt Euch also nicht zurückgesetzt?

Nein. Wir arbeiten eigentlich sehr gut mit den Ämtern zusammen, auch wenn wir das früher immer ein bisschen anders empfunden haben. Wir haben besonders in den letzten Jahre gemerkt, dass die Leute hinter uns stehen. Das ist schon sehr motivierend.

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Artikelinfos
Autorhm
Quelleall-in.de
Veröffentlichung16.08.2013
Aktualisierung23.08.2013 14:24
Ort Lindau
Schlagwörtervaudeville, kultur
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